Der kurze Weg in die Weinberge

Dorffest : Longuich feiert 70 Jahre Moselbrücke

Longuicher würdigen den von Winzern bezahlten Bau der nun 70 Jahre alten Moselbrücke. Zur Feier darf getanzt werden.

Fast auf den Tag genau hat die Ortsgemeinde Longuich die Freigabe ihrer Moselbrücke gefeiert. Die Brückenweihe am 25. September 1949 ist ein Meilenstein in der Geschichte des Ortes. Denn sie entlastete insbesondere die Winzer ungemein. Mussten sie doch seit Sprengung ihre „alten“, 1911 erbauten, Brücke in den letzten Kriegstagen mit der Rioler Fähre in ihre Weinberge am gegenüberliegenden Moselufer fahren. Und das nicht etwa mit Traktoren, sondern mit von Pferden oder von Kühen gezogenen Wagen.

„Die waren ja schon einen halben Tag unterwegs in ihre Weinberge“, kommentiert Christel Egner, eine Besucherin des Jubiläumsfestes „70 Jahre Moselbrücke Longuich“. In Riol hätten sie zudem „bei Wind und Wetter“ auf die Fähre gewartet, weiß Leni Kollete von Erzählungen. Und manchmal dauerte das einfach zu lang. Ihre Schwiegermutter sei per „Bötchen“ zur Entbindung, erzählt Egner. Vor historischen Fotos, montiert am Brückengeländer, tauschten sich die Frauen mit anderen Bürgern aus. Darunter Longuichs „Burgherr“ Helmut Mertes, der unter anderem das Brücken-Zollhäuschen restaurierte, und Marga Mertes, seit 60 Jahren verheiratet. Ihr Mann habe bei der Brückenweihe mit der Dorfältesten getanzt, seiner 93-jährigen Oma, deren Kommentar sie nicht vergessen hat: „Ich habe für die Brücke bezahlt - jetzt darf ich auch tanzen.“

Longuicher Winzer bezahlten den Bau der Brücke für 340 000 DM, umgerechnet etwa 173 839 Euro, aus der eigenen Tasche. Am Zollhäuschen wurden daher Auswärtige, die rüber wollten, zur Kasse gebeten. Bruno Schmitt hat ihn noch, den „Veranlagungsbescheid“ des Schweicher Amtsbürgermeisters vom 26. Februar 1949. Damals erhielten nicht nur seine Eltern eine fette Rechnung. Alle örtlichen Winzer, „denen durch den Brückenbau besondere wirtschaftliche Vorteile erwachsen“, wurden veranlagt – und auch deren Geschwister, ob sie im Ort lebten oder verzogen waren. Pro Quadratmeter Weinbergsfläche „links der Mosel“ mussten Longuicher 65 Pfennig, 33 Cent, bezahlen. Allein seine Familie sei mit mindestens fünf Personen und etwa 14 000 DM, 7450 Euro, beteiligt gewesen, erzählt Schmitt.

„Für die Winzer war die Brücke von existenzieller Bedeutung“, verdeutlichte auch Ortsweinkönigin Luisa Hansjosten. Die Schweicher Brücke sei kriegsbedingt schwer beschädigt und „nicht überquerbar“ gewesen und die Fähre in Riol folglich die einzige Möglichkeit, ans andere Ufer zu gelangen. Für die Winzer sei es also sehr schwierig gewesen, die Ernte nach Longuich zu bringen. Kurze Wege in die Weinberge sind bis heute wichtig, bekräftigte auch Manfred Wagner Ortsbürgermeister der Gemeinde, die für die Brücke Gemeindewaldholz beisteuerte und das Fest mit dem Arbeitskreis Heimat und Geschichte ausrichtete. Am einstigen Brückenbau fasziniert ihn auch die Bauzeit von nur sechs Monaten: „Das kann man sich ja gar nicht mehr vorstellen.“ Beispielhaft sei aus seiner Sicht aber vor allem, „dass die Macher den Mut hatten, das anzugehen“, spricht er von einer Aktion mit Vorbildcharakter. Auch sein Opa habe die Brücke mitbezahlt. Kurz nach der Währungsreform im Sommer 1948 sei das für die Leute „ein Batzen Geld“ gewesen. Doch dass die Brücke zur Traubenlese 1949 stand, habe damals alle froh gestimmt.

Die Feier begann mit einem Gottesdienst unter freiem Himmel auf der Brücke. Wenig später wäre das wegen Regens nicht mehr möglich gewesen. Die Kartoffelsuppe, die Longuicher Frauen gekocht hatten, war aber schon vorher ausverkauft. Umso mehr Zeit ließen sich Besucher, die historischen Fotos und einen Film anzusehen und vor Jahrzehnten verfasste Schüler-Aufsätze über die Brücke zu lesen.

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