Der Retter des Stadtbilds

Grau und beige - das waren bis Mitte der 1960er Jahre die dominierenden Farben in Trier. Helmut Lutz befreite die Altstadt vom Grauschleier. Steipe, Dreikönigenhaus, Petrusbrunnen und Dutzende historische Fassaden sind strahlende Beispiele für das Wirken des langjährigen Denkmalpflegers. Heute wird er 80.

Trier. Aus den Augen, aus dem Sinn: Dieses Ruheständler-Schicksal trifft auf Helmut Lutz nur bedingt zu. Triers langjähriger Chef-Denkmalpfleger macht sich zwar privat ganz rar, die Früchte seiner Arbeit sind aber allgegenwärtig. Krönende Karriere-Höhepunkte: der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Steipe (1968 bis 1970) und die Renovierung von Schloss Monaise (1992 bis 1997). "Bei aller Bescheidenheit: Darauf bin ich stolz", sagt Lutz. Stolz sein darf er getrost auf noch viel mehr. Denn Denkmal- und Stadtbildpfleger zu sein in Deutschlands ältester Stadt, das war alles andere als ein normaler Verwaltungsjob: "Denkmalpflege ist stets dem Zeitgeist unterworfen, und nach 1945 hatte sie erst einmal das Image eines lästigen Übels."
Lutz weiß das aus Erfahrung. 1947 hatte er bei der Stadtverwaltung angeheuert und sich zum technischen Zeichner ausbilden lassen. Nach Studium an der Staatsbauschule wechselte der frischgebackene Hochbauingenieur 1953 erneut ins Rathaus. 1959 übernahm er die Leitung der Denkmalpflegeabteilung, die - "daran zeigt sich der damalige Stellenwert" - eine Abteilung des Hochbauamtes war. Erst ab 1986 gab es ein eigenständiges Amt für Denkmalpflege (das 2011 fusioniert wurde im neu geschaffenen Amt für Bauen, Umwelt und Denkmalpflege). Bemerkenswert auch deshalb, weil Trier Modellstadt im europäischen Denkmalschutzjahr 1975 war und sich zur 2000-Jahr-Feier (1984) erneut herausputzte.
Die Einschätzungen, was erhaltenswertes Geschichtszeugnis und was entbehrlich ist, gingen und gehen weit auseinander. Lutz versuchte mangels Denkmalschutzgesetzes (in Rheinland-Pfalz erst 1978 erlassen) mit Argumenten zu überzeugen. Was in den meisten Fällen gelang: Dutzende Bauwerke, die ihren Besitzern als "alte Bruchbuden" galten und Neubauten weichen sollten, wurden gerettet. Darunter Triers ältestes Fachwerkhaus (Sternstraße 3, erbaut um 1475) oder Teile der Krahnenstraße. Nicht verhindern konnte er den Abriss von Hotel Porta Nigra, alter Feuerwache (Fleischstraße) und Vereinshaus Treviris. Da beugte sich die Stadt der Investorenmacht, und Lutz war machtlos.
Riesling: ja, Vorträge: nicht mehr


Zu seinen großen Errungenschaften gehört das bunte Stadtbild. Das Einheitsgrau und -beige der ersten Nachkriegsjahrzehnte ist einer mittelalterlichen und barocken Farbenfreude gewichen, wie sie sich etwa am Pe trusbrunnen zeigt.
1995 ging Lutz in Ruhestand, das Interesse am Metier blieb: "Fachliteratur zu Kunst- und Baugeschichte und Denkmalpflege ist weiterhin meine Lieblingslektüre." Seine ehemals rege Vortragstätigkeit hat er aber wegen Problemen mit den Stimmbändern eingestellt. Abgesehen davon geht es Lutz laut eigenem Bekunden "meinem Alter entsprechend gut - auch dank täglich eines Gläschens Riesling oder ab und zu eines Bordeaux".
Der heutige 80. Geburtstag wird "in kleinem Kreis gefeiert". Nicht, weil er Spaßverderber sei, sondern als Vorsichtsmaßnahme: "Zu meinem 70. hatten wir plötzlich volles Haus, und meine Frau Gitte und unsere Töchter Pia und Uta mussten mich nachmittags aus dem Verkehr ziehen, weil das alles zu viel wurde."