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Der Schwarze Todes in Eifel, Hunsrück und an der Mosel

Kostenpflichtiger Inhalt: Volksfreund-Serie zu historischen Pandemien : Die Spuren der Pest in der Region Trier

Die Region Trier erlebt nicht zum ersten Mal eine Pandemie. Schon früher haben Seuchen an der Mosel, in der Eifel und im Hunsrück gewütet. Die bekannteste war die Pest. Im Vergleich zu Covid-19 gibt es viele Unterschiede, aber auch erstaunliche Parallelen.

Wir schreiben das Jahr 1349, als eine seltsame Prozession durch die Straßen des mittelalterlichen Triers zieht. Halbnackte Männer wandern in der Stadt umher, sprechen Gebete und schlagen sich mit Peitschen auf den blanken Oberkörper.

Es sind sogenannte Flagellanten, eine christliche Bewegung, die sich durch Geißelung selbst für Sünden bestraft. Auf diese Weise wollen sie Gott milde stimmen. Damit er sie befreit von einer Krankheit, die im 14. Jahrhundert „das große Sterben“ heißt. Und in Europa rund 25 Millionen Menschen umbringt.

Die wiederkehrende Pandemie: Die Pest erschüttert vor etwa 600 Jahren die Region Trier und die ganze Welt. Übertragen wird das Bakterium „Yersinia Pestis“, wie man heute weiß, von Flöhen, die zunächst Ratten befallen und dann auch Menschen. Der Erreger löst, anders als beispielsweise das Corona-Virus, immer sichtbare Symptome aus. Es entstehen Beulen an den Lymphknoten, in Achselhöhlen und an den Leisten, die bis zu zehn Zentimeter dick werden, sich schwarz verfärben und eitern. Betroffene haben Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sind in der Regel binnen weniger Tage tot.

In Trier stirbt bei der ersten Welle der Seuche ab 1349 ein Drittel der Bevölkerung. In Wittlich fordert der „Schwarze Tod“ im 17. Jahrhundert ein Viertel, in der Eifel die Hälfte der Einwohner. „Die Überlebenden reichten kaum aus, die Toten zu begraben“, heißt es einem Bericht aus Schönecken (Eifelkreis Bitburg-Prüm), der in der Dorfchronik nachzulesen ist.

Ganze Dörfer werden im Mittelalter und der frühen Neuzeit durch die Krankheit ausgelöscht. Noch heute erinnert etwa auf dem Friedhof in Bausendorf (VG Wittlich Land) ein Kreuz an den Nachbarort Heinzerath, der zwischen 1624 und 1654 aufgegeben wurde. Auch das Totenmaar in der Vulkaneifel hat seinen Namen dem „Schwarzen Tod“ zu verdanken. Denn an dem Gewässer hat einst  die Siedlung Weinfeld gelegen, deren Einwohner gegen 1563 dahingerafft wurden.

Ebenfalls der Pest zum Opfer gefallen, sind wohl das Dorf Ewen bei Bitburg, der Weiler Besch bei Ralingen, die Gemeinden „Platten“ nahe Hollnich und Hascheid zwischen Bleialf und Auw, Thanisch, Werder und Inkart bei Bernkastel-Kues sowie die Niederlassungen Brabach, Gospert, Neudorf und Röderbach bei Thalfang im Hunsrück, wie unter anderem in der Datenbank der Kulturgüter in der Region Trier nach zu lesen ist.

Geschichte wiederholt sich: So weit wird es durch das Corona-Virus längst nicht kommen. Alles deutet darauf hin, dass Covid-19 in den Griff zu bekommen ist. Dennoch gibt es einige Parallelen zwischen der Pest und dem neuartigen Virus. Im Angesicht einer Pandemie, scheint es, wiederholt sich Geschichte zumindest in Teilen.

So verbreitet sich auch „die große Pestilienz“ im 14. Jahrhundert vom asiatischen Raum über Italien in den Rest von Europa. Im Mittelalter dauerte diese Welle allerdings Jahre. In unserer modernen Welt, in der Menschen und Waren viel schneller über den Globus reisen, braucht das Virus nur Wochen, um von einem Kontinent zum nächsten zu springen.

Das Pestkreuz bei Wallersheim (Eifelkreis Bitburg-Prüm) wir bald ebenfalls mit Bild in der Kulturdatenbank erscheinen. Foto: Harald Jansen

Quarantäne hilft: Doch es gibt weitere Gemeinsamkeiten. So existiert auch für die Pest lange kein Heilmittel, bis der Schweizer Wissenschaftler Alexandre Émile Jean Yersin den Erreger 1894 entdeckt. Und ein Antibiotikum entwickelt.

Doch auch zuvor lassen die Menschen sich Mittel einfallen, die Verbreitung der Krankheit einzudämmen. Einige von ihnen muten heute bizarr an. Man reibt sich mit getrockneter Krötenhaut ein, Menschen werden zur Ader gelassen. Das Ausbluten soll die Krankheit aus dem Körper befördern. Manches aber findet auch heute noch Anwendung.

Zum Dank Gottes haben viele Gemeinden nach dem Verklingen einer Pestwelle Kreuze aufgestellt, wie hier in Trier-Ehrang (links), Dreis (Mitte) oder Trittenheim (rechts). Foto: TV/Christian Altmayer

Früh setzen Mediziner auf die Isolierung von Kranken. Tatsächlich stammt der Begriff der Quarantäne aus ebenjener Zeit. Die italienische Stadt Venedig veranlasst damals, dass die Besatzung ankommender Schiffe 40 Tage lang nicht an Land darf. Von der willkürlich gewählten Zahl 40, italienisch quaranta, leitet sich das Wort „Quarantäne“ ab.

Später sind Ausgangsbeschränkungen für Kranke Mittel der Wahl, um die Pest einzuhegen. Wie ein Ausschnitt aus dem Stadtarchiv München von 1532 zeigt: „Wer an der Pest erkrankt ist muss zu Hause bleiben und seine Hausgenossen auch. Und es wird also geregelt, dass zum Beispiel diese Leute, die da in ihrem Haus festsitzen, versorgt werden durch städtisch bestellte Hilfskräfte, die für sie einkaufen.“

Zum Dank Gottes haben viele Gemeinden nach dem Verklingen einer Pestwelle Kreuze aufgestellt, wie hier in Trier-Ehrang (links), Dreis (Mitte) oder Trittenheim (rechts). Foto: TV/Christian Altmayer

Nachbarschaftshilfe hat Tradition: „Hilfskräfte“, die für andere einkaufen — auch das ist ein Dejá Vu. Derzeit gründen sich in vielen Orten der Region Nachbarschaftshilfen, die ältere oder kranke Menschen und Quaratänefälle versorgen. Dass dies in der Region eine lange Tradition hat, zeigt ein Beispiel aus Piesport an der Mosel.

Dort thront seit dem 19. Jahrhundet über den Weinbergen das sogenannte Spoarbildchen. Die Geschichte des Ortes, an dem die Kapelle steht, reicht aber noch weiter zurück. Nämlich bis ins Jahr 1506. Damals zieht die Pest durch das Moseldorf. Niemand darf wegen Ansteckungsgefahr hinein- oder hinaus. Die Straße Richtung Krames ist gesperrt - genau an der Stelle, wo heute das Gotteshäuschen steht.

Zum Dank Gottes haben viele Gemeinden nach dem Verklingen einer Pestwelle Kreuze aufgestellt, wie hier in Trier-Ehrang (links), Dreis (Mitte) oder Trittenheim (rechts). Foto: TV/Christian Altmayer

Und so, ohne Kontakt zur Außenwelt, werden in Piesport auch die Lebensmittel knapp. Doch die Einwohner von Krames, heute ein Ortsteil von Klausen, lassen ihre von der Pest heimgesuchten Nachbarn nicht verhungern. Sie bringen ihnen Nahrung, stellen sie an der Straßensperre ab, wo die Piesporter sie abholen können. So schaffen es immerhin 16 von 98 Bürgern, dem „Schwarzen Tod“ zu entkommen. Eine Geschichte, die manchem  das Herz wärmen mag. Doch es gibt auch Erzählungen aus Pestzeiten, die zeigen, dass der Mensch in der Krise zu Schrecklichem fähig ist.

Panik, Stigmatisierung und Mord, aber auch ... : Auch in der Corona-Krise zeigt sich nicht jeder von seiner besten Seite. Jugendliche, die weiter Parties feiern. Menschen, die die Häuser von Kranken mit Kreide markieren und sie so zu Aussätzigen machen. Und Hamsterkäufer die kiloweise Vorräte zuhause horten, und sie dadurch auch anderen wegkaufen, machen Schlagzeilen. Solche Panik-Hortungen soll es bereits zu Zeiten der Pest gegeben haben, sagen Historiker. Angesichts von Pandemien scheint dies ein verbreitetes Phänomen zu sein. Mancher spricht sogar von einem Vorsorge-Instinkt.

Nachbarschaftshilfe in Pestzeiten: Hinter der Spoarkapelle steckt eine schöne Geschichte: Hierhin habe die Krameser in Pestzeiten Lebensmittel für das Nachbardorf Piesport gebracht. Foto: Christian Altmayer Foto: TV/Christian Altmayer

Und auch Stigmatisierungen sind nicht neu. „Chinesen-Pest“, so nennen einige das Corona-Virus, das wohl seinen Ursprung in Wuhan hat. Asiaten haben derzeit vermehrt unter Rassismus zu leiden.

Im Mittelalter hingegen gedeiht mit der Pest der Antisemitismus. Auch die Trierer machen die Juden 1349 für den Ausbruch der Pest verantwortlich. Die hätten die Krankheit aus dem Orient eingeschleppt, heißt es, die Brunnen vergiftet. Anders als heute bleibt es aber nicht bei verbalen Anfeindungen. Zunächst werden Friedhöfe verwüstet, dann Menschen „ertränkt, erschlagen, erwürgt“. Nur wenigen Juden gelingt die Flucht. Solche Pogrome sind laut Stadtchronik auch aus Traben-Trarbach überliefert.

Stumme Zeugen der Pest: Heute spricht kaum noch jemand von diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte. Oder überhaupt von der Pest. Denn die gilt als besiegt. Spuren der Seuche finden sich aber in der Region noch immer. Denn die Krankheit hat die Heimat unserer Vorfahren nachhaltig verändert. Davon zeugen zahlreiche Sagen und Bräuche, die sich bis in die Gegenwart gehalten haben. Aber auch Pestkreuze und Kapellen.

Die meisten von ihnen werden nach dem Dreißigjährigen Krieg, im 17. Jahrhundert, erbaut. Nachdem eine weitere Welle der Krankheit übers Land gefegt war.

So haben 1683 etwa die Einwohner des heutigen Trierer Stadtteils Ehrang in der Friedhofstraße ein gut drei Meter hohes Kreuz aufgestellt. Zum Dank an Gott, dass sie von der Seuche verschont blieben. Solche Kreuze finden sich auch in Dreis, Birresborn, Temmels, Pantenburg, Wallersheim und etlichen anderen Gemeinden, manche von ihnen sind verziert mit Totenköpfen.

Einige Dörfer, wie Sehlem im Wittlicher Land, in dem die Pest wohl besonders wütet, errichten sogar Kapellen. Das Gotteshaus, das noch immer steht, ist wie so viele andere in der Gegend, dem Pilger Rochus von Montpellier gewidmet, der sich im 14. Jahrhundert um die Pestkranken gekümmert haben soll.

Rochus gilt noch heute als Schutzpatron der Stadt Wittlich, die die traditionelle Säubrennerkirmes aus diesem Grund auch stets rund um  den 16. August beginnen lässt, dem Namenstag des Heiligen.

Was ebenso erhalten bleibt: die alljährliche Wallfahrt der Gläubigen aus Irrhausen nach Prüm. Der Legende nach gelobte das Dorf, falls die Pest bald enden und keine Opfer mehr fordern würde, jedes Jahr in die Abteistadt zu pilgern.

Und noch ein weiterer Wallfahrtsbrauch könnte indirekt mit der Pest zu tun haben. Manche Historiker vermuten, dass die Springprozession in Echternach auf die Flagellanten zurückgeht. Also auf jene christliche Bewegung, die gegen die Verbreitung der Seuche durch die Straßen Triers marschierte.