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Der Temperamentsbolzen verlässt den Kommandostand

Der Temperamentsbolzen verlässt den Kommandostand

Zehn Jahre war er Direktor des Max-Planck-Gymnasiums, zum Ende des Schuljahres geht Ludwig Weyand in den Ruhestand. Bei der Verabschiedung würdigten ihn Kollegen, Eltern und Schulbehörden als ebenso streitbaren wie erfolgreichen Pädagogen.

Trier. Nein, für einen Naturwissenschaftler, der mit filigranen Fingern eine zerbrechliche Versuchsanordnung aufbaut, würde man Ludwig Weyand nicht unbedingt halten. Eher schon für den erfolgreichen Handballer, der er lange war. Eine Sportart, die breite Schultern macht und reichlich Durchsetzungsvermögen verlangt. Und doch, sagt Weyand, habe er den Physik- und Mathe-Unterricht immer geliebt, das Arbeiten in seinen Kernfächern. Schulleiter sei er "eigentlich nur aus Versehen geworden".
Schüler bleiben immer Kinder


Faszinierender Kontrast: Der bärtige, kantige Mann, der so aussieht, als müsse er verschärft darauf achten, dass seine Schüler keine Angst vor ihm kriegen, redet fast zärtlich von "meinen Kindern". Dabei ist mindestens die Hälfte seiner Schützlinge dem Kinderalter längst entwachsen. "Stimmt", räumt er leicht verlegen ein, "aber wenn man sie so aufwachsen sieht, bleiben sie immer ein Stück weit Kinder".
Der Melancholiker ist freilich im Berufsalltag nicht unbedingt die zentrale Rolle von Ludwig Weyand. Der Mann gilt als Klartexter, als eine Art Uli Hoeneß des MPG. Kein Wunder, dass man sich im Rathaus schwer tat, als die Schulaufsicht im Jahr 2001 den damals 53-Jährigen nach einem Vierteljahrhundert am benachbarten AVG auf den Chefsessel am Max-Planck-Gymnasium befördern wollte. Drei Durchgänge soll es gedauert haben, bis das Einvernehmen hergestellt war.
Kleiner Radius, neue Welten


Weyand tat seinerseits das Nötige dazu, dass man sich im Schuldezernat nicht umsonst Sorgen gemacht hatte. Wo andere Kollegen in stiller Diplomatie die eine oder andere Baumaßnahme durchzusetzen hofften, pflegte Weyand so auf den Tisch zu hauen, dass man es nicht überhören konnte. Meistens mit Erfolg.
Dass er "ziemlich temperamentvoll" sei, räumt der scheidende Direktor unumwunden ein. Dass ihm seine Kollegen zum Abschied einen Ballonflug geschenkt haben, damit er "mal richtig in die Luft gehen kann", wie es bei der Abschiedsfeier hieß, ist sicher kein Zufall.
Dass Weyands klarer Kurs das Profil der Schule erhalten und weiter geschärft hat, steht aber ebenso außer Frage. Das MPG steht für naturwissenschaftliche Ausrichtung und einen sportlichen Schwerpunkt. Neue Unterrichtsmethoden unter dem Stichwort "Lernen lernen" wurden hier schon gepflegt, als anderswo Klippert-Schule noch mit Klippschule verwechselt wurde.
Sein eigenes Abitur hat Ludwig Weyand einst am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium gemacht. FWG, AVG, MPG: "Eigentlich ein ziemlich langweiliger Werdegang mit kleinem Radius", brummt er in einem - gar nicht so seltenen - Anflug von Selbstironie.
Aber das gilt allenfalls für die räumliche Ausdehnung. Was das Biotop Schule angeht, hat der Arbeitersohn einen Wandel der Welten miterlebt, seit er 1975 als Junglehrer am AVG anfing. Damals ging gerade die Generation der Nachkriegs-Pädagogen, die noch mit Prügelstrafe und In-die-Ecke-stellen ihr Regiment geführt hatte. Lehrer konnten noch sicher sein, bei Strafmaßnahmen gegen die Schüler die Eltern auf ihrer Seite zu haben.
Heute hat sich das Bild radikal gewandelt. Lehrer sind im Ansehen gesunken, müssen oft die Rolle des Erziehers mit übernehmen, sind konfrontiert mit Kindern, von denen manche überbehütet sind , andere wiederum völlig alleingelassen werden.
Mehr Aufgaben, weniger Spielräume: ein schwieriger Job. "Der schlechte Ruf des Lehrers", da hat Weyand keinen Zweifel, "ist nicht gerechtfertigt". Er muss keine Sekunde darüber nachdenken, was er als erstes realisieren würde, wenn er das Sagen in der Schulpolitik hätte: "Kein Lehrer unterrichtet mehr als 20 Stunden". Im Gegenzug dürfe man dann aber auch "höchste Unterrichtsqualität" erwarten. Der zweite Schritt wären dann kleinere Klassen.
Nach jahrelangem Kampf um jeden Euro im Bildungswesen hat man allerdings verlernt, an die Realisierung solcher Träume zu glauben. Da freut sich Opa Weyand doch lieber auf Ziele, die er demnächst selbst umsetzen kann. Zum Beispiel, mit seinen vier Enkeln zu spielen, die über die halbe Welt verteilt wohnen. Wäre da nicht die Familie, man hätte ihn sicher nicht schon mit 63 Jahren von seinem Kommandostand auf dem MPG-Schul-Schiff loseisen können. DiL