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Der Zauber der Vergänglichkeit

Der Zauber der Vergänglichkeit

TRIER. Charme, Natur und Würde: Davon hat der Trierer Hauptfriedhof so viel zu bieten wie wenige andere Plätze in Trier. Auch in der kühlen und kargen Jahreszeit lohnt sich ein Spaziergang.

Eine dicke, Efeu-umrankte Mauer. Manchmal blitzt ein zarter Flügel oder der Hinterkopf einer bröckelnden Statue zwischen den Bäumen hervor. Wie ein großer, gepflegter Park würde dieser Ort anmuten - wenn nicht die großen Grabsteine auftauchten. Der Hautfriedhof ist nicht nur die größte, sondern auch die wohl schönste Begräbnisstätte in Trier. Er birgt neben einem kunsthistorischen Freilichtmuseum auch eine reizvolle Naturlandschaft in sich. Heinz Tholl ist verantwortlich für den "schönsten Landschaftspark Triers", wie er sagt. "Erbaut wurde der Friedhof 1804 auf Geheiß Napoleons. Damals mussten alle Friedhöfe wegen der Seuchengefahr außerhalb der Stadt liegen. Bis heute wurde der Hauptfriedhof sieben Mal erweitert." Versteckt unter Bäumen führt ein Trampelpfad zu einem der ältesten heute noch erhaltenen Gräber. 1870 wurde hier der Soldat Gustav J. Stephany begraben, der an den Folgen einer Verwundung starb. Die meisten Menschen empfinden die Orte der Toten noch immer als traurig, düster und schmerzhaft. Susanne Ost schriebt in ihrem Buch über den Hauptfriedhof, dass historische und gewachsene Friedhöfe durch ihre Indiviudalität und die mit Liebe gefertigten Grabdenkmäler viel von ihrem Schrecken verlieren. Heinz Tholl bekräftigt das: "Im Sommer kommen die unterschiedlichsten Besucher - Kunstbegeisterte, Mütter mit Kinderwagen und Spaziergänger. Viele junge Menschen interessieren sich für die kunsthistorische Bedeutung des Friedhofs." Die Wanderung mit Heinz Tholl führt durch die Welt des Trauerns, die Geschichte des Friedhofs und zu denkmalgeschützten Grabskulpturen. An unscheinbaren Reihengräbern vorbei gelangt man zu stattlichen, kunstvoll gestalteten Familiengräbern wie dem der Familie Carl Rautenstrauch, deren Mitglieder als besondere Gönner der Stadt, als Kaufleute und Politiker bekannt waren. Aufwändig gearbeitete Denkmäler zeugen vom Reichtum der Verstorbenen. Soziale Ungleichheit existiert auch bei Grabstätten. Tholl ist ausgebildeter Gärtner, sein besonderes Augenmerk richtet sich deshalb auf die Pflanzen. "900 Bäume stehen hier, viele sind als Naturdenkmäler geschützt. Der älteste Baum ist mehr als 180 Jahre alt. Nicht umsonst wird unser Friedhof auch als grüne Lunge der Stadt bezeichnet." Beim Blick auf die riesigen Baumkronen mit den nackten, verschlungen Ästen hoch über dem Kopf fühlt man sich wie in einem Märchenwald. Auch für die Tierwelt schafft der Friedhof einen wichtigen Lebensraum. Der "Honigengel", eine lebensgroße Bronzestatue, hat sogar schon als Bienenstock gedient. Heinz Tholl zeigt das Einflugloch der Honigsammlerinnen. An einem besonders schönen Exemplar einer Zerreiche hebt er vorsichtig die Rinde an. Darunter sind unzählige rote Käfer zu sehen, die, aneinander gekuschelt, ihren Winterschlaf halten. Auch eine Fuchsfamilie soll sich hier heimisch fühlen. Heinz Tholls Begeisterung wirkt so ansteckend, dass die zweieinhalb Stunden seit Beginn des Spaziergangs wie im Flug vergangenen sind. Wie schön muss der Friedhof erst im Frühling sein, wenn die Natur zum Leben erwacht!