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Dezember-Bomben von 1944 töten 420 Menschen in Trier

Dezember-Bomben von 1944 töten 420 Menschen in Trier

Die am Dienstag in der Neustraße gefundene 250-Kilo-Bombe entstammt vermutlich dem letzten der drei schweren Angriffe, die britische Maschinen kurz vor Weihnachten 1944 flogen. Was damals passierte, hat der Heimat- und Militärgeschichtsforscher Adolf Welter recherchiert.

Es scheint, als hätte Adolf Welter den Anruf des TV-Reporters schon erwartet: "Ich weiß, was Sie wissen wollen", lautet die Begrüßung am Telefon. Die Vermutung des 81-jährigen Heimat- und Geschichtsforschers: "Der in der Neustraße gefundene Blindgänger dürfte vom britischen Bombenangriff am 23. Dezember stammen." Die Annahme wird gestützt von einer hohen Wahrscheinlichkeit. Dreimal binnen fünf Tagen bombardierte die Royal Air Force Trier in der Vorweihnachtszeit 1944. Der mit Abstand größte und verheerendste war eben der am Vortag von Heiligabend. Rückblick: Die massiven Luftattacken stehen in direktem Zusammenhang mit Hitlers am 16. Dezember gestarteter Ardennen-Offensive. Die stark bedrängten Briten und Amerikaner reagieren heftig. "Abriegelung des Gefechtsfeldes", lautet das Rezept, das jeglichen Nachschub für die Wehrmacht unterbinden soll.

Im Visier: Bahnstrecken, Verladestellen, Brücken, Tunnels, Straßenkreuzungen, Fernmeldeeinrichtungen, Lagerhallen und alles, was sonst noch mit Militär zu tun haben könnte. Die von Arthur Harris ("Bomber Harris") befehligten Flugzeuggeschwader schlagen nach Plänen zu, die bereits ein halbes Jahr vorher ausgearbeitet wurden und den Decknamen "Operation Sunfish" tragen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann Trier zum Angriffsziel wird. Die deutsche Offensive in den Ardennen löst den todbringenden und zerstörerischen Mechanismus aus. Die Auswirkungen hat Adolf Welter recherchiert und in seinem in drei Auflagen erschienenen und längst vergriffenen Buch "Die Luftangriffe auf Trier 1939-1945" dokumentiert: Ihre erste Attacke auf Trier, das - von der Zivilbevölkerung seit Wochen verlassen - von nur noch rund 5000 Menschen bewohnt ist, fliegen die Briten am 19. Dezember. 30 viermotorige Lancaster-Maschinen werfen kurz nach 15.30 Uhr 136 Tonnen Sprengbomben. Eine davon durchbricht im Hospital St. Irminen eine Schutzkeller-Decke. 18 Ordensfrauen, 33 Hausangestellte und 31 Helfer verlieren alleine dort ihr Leben.

Zwei Tage später der nächste Großangriff: Ab 14 Uhr lassen 94 Lancaster-Bomber 427 Tonnen Sprengkörper auf Trier hageln. Als Jagdschutz sind 47 US-Thunderbolt-Jäger dabei, die Napalm- und Flammstrahl-Bomben abwerfen. Die Brände lassen sich nicht löschen - der starke Frost hat die Schläuche einfrieren lassen. Es kommt noch schlimmer. Am 23. Dezember um 13 Uhr bricht die schwerste aller Heimsuchungen seit der Normannen-Invasion 882 über Trier herein. 153 Viermotorer laden 700 Tonnen Brand- und Sprengbomben sowie Luftminen ab. Am schwersten getroffen wird die Innenstadt, wo 52 Großbrände ausbrechen. Erschütternde Bilanz: Die drei britischen Angriffe haben mindestens 420 Menschenleben gefordert; Trier ist ein Trümmerfeld und die Altstadt zu 40 Prozent zerstört. Dennoch legt an Heiligabend die US-Luftwaffe nach. Kurz nach 11 Uhr werfen zehn zweimotorige Lightning-Jäger im Sturzflug je zwei 250-kg-Bomben über dem Ostviertel ab. Erster Großangriff am 14. August Die Amerikaner sind es auch, die den ersten großen Luftangriff auf Trier geflogen haben. Am 14. August 1944 nehmen gegen 13 Uhr zehn B17-Viermotorer ("Fliegende Festungen") das Bahnhofsgelände ins Visier, verfehlen dieses Ziel aber.

Die abgeworfenen 11.000 Stabbrandbomben richten schwerste Schäden an Kulturdenkmälern wie Dom, Liebfrauenkirche, Konstantin-Basilika und Kurfürstliches Palais an. Vier Menschen sterben. In den vorangegangenen Kriegsjahren ist die Trierer Innenstadt vom Tod aus der Luft unbehelligt geblieben. Nun ist es vorbei mit der trügerischen Hinterland-Ruhe. Am 13. September 1944 setzt amerikanischer Artilleriebeschuss aus Luxemburg ein, tags darauf beginnt die Evakuierung von Frauen und Kindern. Wäre nicht der "Räumungsbefehl" für Trier am 4. Dezember gekommen, dann hätten die Vorweihnachtsbombardements wohl wesentlich mehr Todesopfer gefordert. Mit dem Fund von Hinterlassenschaften des Luftkriegs ist auch weiterhin zu rechnen. Adolf Welter: "Längst nicht alle abgeworfenen Bomben sind auch explodiert. Es schlummern mit Sicherheit noch Blindgänger im Trierer Boden."

Sprengstoff-Experte: "Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief geht, geht gegen Null."

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