Die Altstadt jahrelang im Ausnahmezustand

Die Altstadt jahrelang im Ausnahmezustand

Wer sich jetzt schon über das Einkaufscenter aufregt, das die ECE in Trier bauen will, sei beruhigt: Bis solch ein Projekt realisiert ist, fließt, wie der Volksmund sagt, "viel Wasser die Mosel runter". Im Falle der Trier-Galerie dauerte es sechs Jahre von der offiziellen Ankündigung bis zur Eröffnung 2008. Die Schlussphase aber hatten es in sich und versetzte ein ganzes Altstadtquartier in den Ausnahmezustand.

Trier. Am Anfang war das Gerücht. Ende der 1990er Jahre verdichteten sich die Hinweise, und 2000 wurde es Gewissheit: Für die Paulinus-Druckerei hatte das letzte Stündlein geschlagen. Das Bistum ließ seine Wochenzeitung Paulinus nun in Saarbrücken drucken, und damit war der kircheneigene Produktionsstandort zwischen Fleisch- und Metzelstraße, bis 1974 auch Sitz der dann eingestellten Trierischen Landeszeitung, seinen letzten großen Auftrag los.
Offiziell aus dem Sack gelassen wurde die Katze im Herbst 2002: Der Berliner Projektentwickler Trigon präsentierte seine Pläne zum Bau eines großen Shopping-Centers auf dem Paulinus-Gelände und dem Nachbarareal, auf dem die Ruine des alten City-Parkhauses stand.
Der Schock in der Öffentlichkeit war groß und die Händlerschaft in Alarmstimmung versetzt. Von 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche war die Rede, und die Trigon machte auch kein Hehl daraus, dass sie gerne die Metzelstraße komplett mit ihrem damals unter dem Arbeitstitel "Paulinus-Center" firmierenden Einkaufstempel überbauen würde.
Doch daraus und aus der angepeilten Fertigstellung "Herbst 2005" wurde nichts. Eine Stadtratsmehrheit von SPD, Grünen und UBM (heute FWG) machte einen Strich durch die Trigon-Pläne, an der Zuckerbergstraße - vis à vis vom neuen City-Parkhaus - eine eigene Großgarage zu bauen. Anfang 2005 segnete der Stadtrat den nachgebesserten Bebauungsplan und den städtebaulichen Vertrag mit der Trigon ab: mit Stellplatznachweis im City-Parkhaus (950 Plätze) und einer Verkaufsfläche von maximal 15 000 Quadratmetern.
Von Baubeginn aber immer noch keine Spur. Erst im Herbst 2005 kam die Trigon aus den Pötten und präsentierte einen Investor und einen Namen: Die Frankfurter Großbank Credit Suisse finanzierte das 70-Millionen-Euro-Projekt, das jetzt Trier-Galerie hieß. Im Februar 2006 eine neue Ansage: Eröffnung "im März 2008". Doch wieder lagen die Projektmanagerinnen daneben. Zwar startete der Abriss von Paulinus-Komplex und Ex-Parkhaus ankündigungsgemäß im März 2006, jedoch läutete erst elf Monate später der obligatorische erste Spatenstich die eigentliche Bauphase ein - als die Trigon endlich einen Generalunternehmer gefunden hatte: Das Ottobrunner Unternehmen S. Pöttinger und die Berliner Beton-System Schalungsbau GmbH (BBS) taten sich zur Arbeitsgemeinschaft Trier-Galerie zusammen.
Da befand sich das ganze Quartier längst im Ausnahmezustand. Erst waren 80 000 Kubikmeter Bauschutt zertrümmert und weggekarrt worden, jetzt lärmte schweres Baugerät im Dauereinsatz. Weil der mittlere Teil der Metzelstraße vorübergehend nicht mehr existierte, konnte der Busverkehr auch nicht über den Nikolaus-Koch-Platz fließen, sondern musste komplett über die ohnehin viel befahrene Zuckerbergstraße geleitet werden. Ein Relikt aus jener Zeit ist die immer noch vorhandene, aber völlig überflüssige Mittelinsel in der Justizstraße, die einst als provisorische Haltestelle diente.Zur Eröffnung noch nicht fertig


Wem der ganze Baustellenrummel nicht auf die Nerven ging, der hatte Grund zur Vorfreude. Schließlich zählte die Textilkette Zara zu den insgesamt 70 Mietern von Ladenflächen.
Immerhin: Der beim Spatenstich am 6. Februar 2007 angekündigte Eröffnungstermin 4. September 2008, wurde allen Unkenrufen zum Trotz eingehalten. Allerdings unter erschwerten Bedingungen. Trotz Nacht- und Wochenendschichten und einer Dauerbelagerung des Quartiers mit Ladenbau- und Lieferfahrzeugen fehlte am Eröffnungstag an vielen Ecken und Enden der Feinschliff. "Die Premiere der Unvollendeten", titelte der TV am 5. September 2008. Die Hamburger Einkaufszentrums-Entwicklungsgesellschaft, kurz ECE, hatte schon vor mindestens zehn Jahren Trier-Ambitionen bekundet und sich auch für das Paulinus-Areal interessiert, es aber schlussendlich als unrentabel erachtet, da sich eine "große Lösung" unter Einbeziehung des benachbarten Post-Areals damals nicht realisieren ließ. Gerd Wilhelmus, aus Bernkastel-Wehlen stammender Geschäftsführer der ECE-Tochter ECE Development GmbH & Co. KG, führte schon damals die Verhandlungen für den Konzern, wie er dem TV kürzlich im Interview berichtete. Nun steht Wilhelmus mit der ECE erneut auf der Matte mit den zwei neuen Projektwünschen für den Bereich Europahalle und Kaufhof/Karstadt in der Simeonstraße. Mit welchem Erfolg diesmal und welchen Auswirkungen aufs Stadtbild, wird sich in fünf Jahren zeigen - optimistisch geschätzt.Extra

Zum möglichen Einkaufszentrum in Trier gibt es ein umfangreiches Dossier im Internet bei www.volksfreund.de. Lesen Sie darin unter anderem ausführliche Interviews mit ECE-Geschäftsführer Gerd Wilhelmus, City-Initiative-Chef Michael Cornelius, eine Reportage über das ECE-Projekt in Ludwigshafen und die Analyse der Einzelhandelskonkurrenz aus Luxemburg. Das alles unter dem Link www.volksfreund.de/ece

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