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Die Corona-Krise könnte eine neue Verbindung zur Umgebung initiieren, sagt Gerrit Fröhlich, Soziologe an der Universität Trier.

CORONA : „Eine neue Verbindung zur Umgebung“

Die Corona-Krise kehrt eine jahrzehntelange Entwicklung um – das beobachtet Gerrit Fröhlich, Soziologe an der Universität Trier.

Gerrit Fröhlich hat schnell reagiert: Er bietet seinen Soziologie-Studenten an der Uni Trier im laufenden Sommersemester eine Veranstaltung zum Alltag in der Pandemie an. Im TV-Interview spricht er über die sich wandelnde Bedeutung des Umfelds und antwortet auf die Frage, was nach der Krise davon bleiben wird.

Stimmt die Beobachtung, dass in der Krise die Bedeutung der unmittelbaren Umgebung wächst?

Fröhlich: Wir sehen gerade ein widersprüchliches Phänomen. Einerseits rückt die direkte Umgebung dadurch, dass viele von uns zu Hause sind, tatsächlich näher heran. Andererseits ist der Konsum gerade alles andere als lokal: Paketdienstleister berichten von einem Arbeitsaufkommen wie in der Vorweihnachtszeit. Und durch die verstärkte Nutzung moderner Kommunikationsmittel wie Videotelefonate kommen Menschen, die weit weg sind, näher zu uns.

Wie ordnen Sie als Soziologe diese Veränderungen ein?

Fröhlich: Derzeit wird eine Entwicklung rückgängig gemacht, die lange nur in eine Richtung verlief. Früher kannte man sich da am besten aus, wo man wohnte, und diese Ortskenntnis nahm ab, je weiter man sich entfernte – wie bei konzentrischen Kreisen. Seit den 1960er Jahren hatte sich das gewandelt: Es entwickelten sich Inseln, die man gut kennt: Neben dem Wohnort beispielsweise der Ort, an dem man arbeitet und der, an dem die Großeltern leben. Vom Raum dazwischen nahm man weniger wahr. Jetzt, wo der Radius der Menschen kleiner geworden ist, erschließen sich viele diese Zwischenräume wieder, beispielsweise, indem sie häufiger Spaziergänge machen und diese stärker variieren müssen.

Wird der aktuell engere Bezug zum Umfeld langfristig nachwirken?

Fröhlich: Ich könnte mir vorstellen, dass die neuen Routinen eine neue Verbindung zur Umgebung entstehen lassen. Dass man, wenn der Kontakt zum Ortsvorsteher erst mal da ist, auch häufiger darauf zurückgreift. Aber eine Prognose möchte ich da nicht geben. Wenn keine festen Strukturen geschaffen werden, kann es genauso sein, dass die alten Routinen sehr schnell wiederkommen.

Spielt die Corona-Krise in Ihren Forschungsprojekten eine Rolle?

Fröhlich: Die Phase, die wir gerade erleben, ist eine tiefe Zäsur. Natürlich beschäftigt das uns Soziologen auch wissenschaftlich. Im Rahmen eines aktuellen Projekts befasst sich eine Gruppe von Studierenden beispielsweise mit Verschwörungstheorien, eine andere damit, wie sich Begegnungen im öffentlichen Raum in der Krise verändern – etwa dadurch, dass Menschen Masken tragen oder Distanz halten müssen.

Die Fragen stellte Inge Kreutz.