Die Grabräuber von Trier - So machen die Täter ihre Beute zu Geld

Die Grabräuber von Trier - So machen die Täter ihre Beute zu Geld

Sie stehlen Schalen, Leuchten, Kreuze, Statuen oder komplette Grabsteine. Der Schmerz trifft die Hinterbliebenen oft härter als der finanzielle Verlust. Einen wirksamen Schutz gibt es nicht. Die Täter haben viele Möglichkeiten, die Friedhofsbeute zu verkaufen. Ein Steinmetz und ein Bestatter erklären die Lage.

Trier. Es ist ein kalter, aber schöner Morgen auf dem Trierer Hauptfriedhof. Die strahlende Sonne verstärkt die Atmosphäre der Stille und Andacht. Doch Franziska hat dafür heute keinen Blick. Die 70-Jährige steht vor der Grabstätte ihres vor vier Jahren verstorbenen Gatten. Sie blickt zu Boden, ihre Stimme klingt müde. "Mir ist das furchtbar peinlich", sagt sie leise. "Wenn etwas mit dem Grab nicht in Ordnung ist, dann fühle ich mich mitschuldig, als hätte ich nicht richtig aufgepasst."

Sie möchte ihren richtigen Namen deshalb nicht in der Zeitung lesen. "Dann wissen ja alle Leute Bescheid." Vier Mal sei das Grab ihres Mannes allein 2016 verwüstet worden, sagt sie. "Die nehmen wirklich alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist." Und wenn es nur eine kleine Grableuchte ist.

Die Zahl der Diebstähle und Sachbeschädigungen auf dem Hauptfriedhof steigt. 2015 gab es elf Anzeigen, 2016 waren es 14, doch die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher, denn nicht jeder Betroffene geht zur Polizei. Auch Franziska tut es nicht. "Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll", sagt sie. "Da hilft offenbar nur noch beten."
Manchmal ist es nicht nur eine Grableuchte. Als Reaktion auf den TV-Artikel "Keine Kameras auf Trierer Friedhöfen" vom 12. Januar schildert Frank Wartner einen aktuellen Fall. "Mein Vater stellte bei einem seiner regelmäßigen Besuche am Grab meiner verstorbenen Mutter fest, dass ein Gedenkstein im Werte von über 400 Euro entwendet wurde." Der Stein wiegt 15 Kilo. "Darauf befand sich ein persönlicher Trauertext, der ebenfalls gestohlen wurde."
Auch für Frank Wartner ist es nicht der erste Fall. "Dieser Diebstahl stellt nur den traurigen persönlichen Höhepunkt in einer Reihe von Straftaten auf dem Hauptfriedhof innerhalb der letzten Jahre dar. Immer wieder wurden Blumengestecke, Bepflanzungen oder kleinere Wertgegenstände entwendet."

Der 15 Hektar große Hauptfriedhof ist pragmatisch betrachtet ein ideales Revier für Diebe. Sie finden schon tagsüber während der normalen Öffnungszeiten viele unbeobachtete Stellen. Ein Grab ist schnell abgeräumt. Nachts sind die Tore zwar verschlossen, aber die Friedhofsmauer ist kein ernsthaftes Hindernis. Das Gelände ist in den Nachtstunden völlig unbewacht. Die Stadt hat Kontrollgänge durch Mitarbeiter des Grünflächenamts erwogen, geprüft und verworfen (der TV berichtete).Die Masse macht's

Grableuchten bringen ein paar Euro beim Altmetallhändler. Foto: (h_st )
Kleine Statuen wie diese werden ebenfalls oft gestohlen. Foto: (h_st )


Doch wer stört die Totenruhe und verletzt die Gefühle der Hinterbliebenen, um auf einem Friedhof auf Diebestour zu gehen? Die Polizei Trier äußert sich zurückhaltend. "Wir haben keine Hinweise auf einen Schwarzmarkt für Grabschmuck oder Grabsteine. Oft wird Hehlerware im Internet angeboten", sagt Sprecherin Sabine Bamberg.
Hans-Peter Melchisedech ist Obermeister der Steinmetz- und Bildhauerinnung Trier. "Eine Grableuchte bringt beim Altmetallhändler keine zwei Euro. Aber die Masse macht's. Es gibt Fälle, in denen organisierte Banden von Metalldieben auf Friedhöfen zuschlagen." Doch in Trier gehe es "in 80 Prozent der Fälle um Imponiergehabe unter Alkohol- oder Drogeneinfluss".

Ein Bestatter aus dem benachbarten Saarland bestätigt, dass es den Dieben oft um Metall geht. "Banden konzentrieren sich auf Buntmetallobjekte wie große Grabschalen, die dann bei einem Schrotthändler bis zu 50 Euro bringen." Einzeltäter seien jedoch auch dabei. "Sie stehlen auch kleinste Objekte wie zum Beispiel die Buchstaben von Grabinschriften". Bronzestatuen im Wert von mehreren Tausend Euro oder hochwertige Grabsteine aus Marmor "gehen schnell über die Grenze", sagt der Bestatter. "Manchmal kommen die Täter am hellen Tag, tarnen sich als Mitarbeiter eines Steinmetzbetriebs und nehmen die Objekte in aller Seelenruhe mit." Der Experte bedauert: Er habe keinen guten Rat für Hinterbliebene, die ein Grab hochwertig schmücken möchten. "Der Kunde kann den Steinmetz nur bitten, solche Objekte sicher und stabil zu befestigen." Doch auch das sei keine Garantie.

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