Die haut auf den Tisch

TRIER. Plädoyer für Gerechtigkeit: Menschenrechtlerin Seyran Ates kämpft gegen die Unterdrückung von Frauen in Migrantengruppen. Ihr entschiedenes Auftreten bildete den Auftakt für die Trierer Vortragsreihe über "Parallelgesellschaften".

Sie weiß, dass sie mit ihren Anklagen aneckt. Schon zu Beginn ihres Vortrags verwahrt sich Seyran Ates gegen den Vorwurf, Türken, Deutsche oder den Islam pauschal angreifen zu wollen. "Ich prangere keine Religion an", sagt die türkischstämmige Frauenrechtlerin, Anwältin und Buchautorin aus Berlin. "Aber ich prangere Ungerechtigkeiten unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit an." Auftakt zur Vortragsreihe über "Parallelgesellschaften": Vor zahlreichen Zuhörern in der Volkshochschule Trier referiert Ates über die Frauenrolle und -situation in Migrantenfamilien, insbesondere die von "Importbräuten": Frauen, die oftmals zwangsverheiratet nach Deutschland kommen, ohne die Kultur des neuen Landes oder selbst ihre eigenen Rechte zu kennen - nicht selten eine "Einladung" an den Ehemann oder dessen Familie zur Gewaltanwendung gegen die eigene Frau. Ein Ausbrechen daraus ist schwierig, hat Ates beobachtet, eine türkischstämmige Zuhörerin stimmt dem zu: "Islamische Frauen werden als Gemeinschaftswesen erzogen, nicht als Individuum". Es sind Einzelfälle wie die einer zwangsverheirateten Frau aus Marokko. Ihr Mann schlägt sie, über ihre Rechte in Deutschland bleibt sie im Unklaren. Am Ende flüchtet die Betroffene in ein Berliner Frauenhaus, nachdem ihr Ehemann sie selbst verstoßen hatte - zurück bei den Eltern hätte sie der Familienehre wegen der Tod erwartet. Auch Ates war als Kind in Kreuzberg einer strikten Kontrolle unterworfen, mit 17 sollte sie zwangsverheiratet werden. Stattdessen floh sie aus dem Elternhaus. Mittlerweile hat man sich versöhnt. "Ich glaube nicht, dass die Väter ihre Töchter hassen. Sie wollen das Beste für sie. Aber das bedeutet eben die Heirat mit jemandem aus dem eigenen, vertrauten Kulturkreis." Sie wendet sich insbesondere strikt gegen die Verhüllung der Frau. "Sie wird schon mit acht Jahren auf ihre Sexualität reduziert", die Zwangsverheiratung erfolge auch aus dem Zweck, die Jungfräulichkeit der Tochter zu bewahren.Schluss mit "Ehrenmorden"

Ates, bekannt geworden durch ihre Biographie und Verurteilung der Berliner "Ehrenmorde", fordert ein Ende des deutschen "Multikulti-Wahns" und eine Auseinandersetzung mit der Frauenunterdrückung. "Ich bin eine Kämpferin für eine multikulturelle Gesellschaft, das haben wir ja in Deutschland. Aber es darf nicht sein, dass man alles unkritisch aufnimmt." Noch immer sei die Frauendiskussion unter den Migranten ein heikles Thema, auch Männer würden zwangsverheiratet. "Ich wünsche mir mehr als nur Lippenbekenntnisse von denen, die Einfluss ausüben, etwa in Moscheepredigten: Dass die Unterdrückung nämlich nicht durch die Religion gebilligt wird." Im Trierer Publikum finden ihre Aussagen Gehör. "Die haut auf den Tisch, finde ich gut", sagt einer. Vorwiegend junge Menschen, viele Frauen, sitzen im Saal, aber man sieht nur wenige Gesichter, die eine nichtdeutsche Herkunft erahnen lassen. Eine Vertreterin eines Jugendmigrationsdienstes beklagt das Fehlen eines Netzwerkes für muslimische Frauen. "Wen kann ich um Hilfe ansprechen?" Und Roland Röder, Vertreter der saarländischen "Aktion 3.Welt Saar", erzählt aus seiner Hilfe für Ayslsuchende. "Es gibt dort Fälle von Männern, die ihre Frauen unterdrücken. Und es ist ärgerlich, dass die Helfer, die dort involviert sind, noch immer davor die Augen verschließen. So, als ob man ein kleineres Übel in Kauf nehme, um ein größeres zu bekämpfen." Info: post@seyranates.de