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"Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit"

"Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit"

Aufführungen im Shopping-Getümmel der Fußgängerzone und eine Menschenkette - die Theatermacher vom Augustinerhof haben im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages gegen Kulturabbau protestiert.

Trier. "Wir wünschen uns nicht Theater, wir fordern es - weil es zur Grundversorgung gehört!", skandiert auf dem Kornmarkt das Schauspielensemble des Theaters Trier im Chor. Rund 300 Zuschauer, die sich zuvor am "Chor der Gefangenen" aus Verdis Nabucco und dem "Zigeunerchor" aus dem Troubadour erfreuen durften, geben entschlossen Beifall - auch zu den anderen Zitaten bedeutender Theatermacher von Shakespeare bis Brecht: "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit."
Im Rahmen des vom deutschen Kulturrat ausgerufenen "Tags für kulturelle Vielfalt und gegen Kulturabbau" fanden bundesweit Aktionen statt, mit denen Kulturschaffende an den besonderen gesellschaftlichen Stellenwert ihrer Arbeit erinnern - und auf die Gefahr aufmerksam machen, die den mancherorts ohnehin nicht üppig budgetierten Einrichtungen in Zeiten des allzeit bereitgehaltenen Rotstifts droht. Eine Situation, die gerade am Theater Trier nicht nur als abstrakt empfunden wird: Die rot-grüne Koalition will bis 2016 weitere 400 Millionen Euro einsparen - als eine der wenigen "freiwilligen Aufgaben" könnte das Theater Ziel weiterer Einsparungen werden (der TV berichtete).
Das publikumswirksame Aufbegehren gegen die Gefahr begann am Samstag mit einer öffentlichen Generalprobe für Dvoraks "Aus der neuen Welt" am Augustinerhof. Nach dem Open-Air am Kornmarkt zog der Tross aus Schauspielern, Musikern, Tänzern, aber auch Statisten, Maskenbildnern und Technikern dann zurück Richtung Theater. Das demnächst auch noch baulich zu sanierende Haus verteidigten die Macher zusammen mit solidarischen Bürgern, indem sie es als Menschenkette gemeinsam umschlossen.
Chefdramaturg Peter Oppermann, der den wegen einer Inszenierung in Kempten unabkömmlichen Intendanten Gerhard Weber vertrat, zeigte sich später zufrieden mit dem Verlauf und dem Bad in der Menge: "Ich habe in einigen Gesprächen mit Zuschauern erlebt, dass sich die Leute sehr bewusst sind, wie wichtig dieses Theater doch ist." Das "ohnehin schon am unteren finanziellen Limit" agierende Dreispartenhaus sei auch deshalb besonders schützenswert, weil die Bedeutung der Ensembles ja weit über den reinen Aufführungsbetrieb hinaus reiche: "Das sind Menschen, die auch für eine Identifikation mit der Stadt stehen, wie sie kein Gastspielbetrieb bieten kann. Denken Sie nur an die Kooperationen, etwa mit der Universität." Der Schauspieler Klaus-Michael Nix pflichtete dem energisch bei: "Da gibt es Musiker, bei denen der Bürger ein Instrument lernen kann; Tänzer, die Ballett unterrichten." So bleibe das Geld, das ins Theater gesteckt werde, in der Stadt, sorge dort "für Ideen, Kreativität, Reibung" und bilde letztlich ein Aushängeschild für das Image der Stadt: "Denken Sie nur an ‚Brot und Spiele\', das jedes Jahr Tausende Zuschauer anlockt!"
Der Idee einer öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP) zur nachhaltigen Finanzierung des Betriebs steht Dramaturg Oppermann nicht unbedingt ablehnend gegenüber. Voraussetzung sei aber, dass man von Partnerseite her keine künstlerischen Maßstäbe setze. "Wenn es etwa darum geht, das Ambiente zu steigern, zum Beispiel in der Gastronomie, sind wir da sehr offen und aufgeschlossen." Sinnvoll sei eine PPP aber "nur als Zusatz zur Basissubvention: Es ist nach wie vor Aufgabe des öffentlichen Trägers, das Theater langfristig zu sichern." Generalmusikdirektor Victor Puhl stimmt dem zu: "Deutschland würde ein wichtiges Merkmal seiner Kulturlandschaft einbüßen, wenn es die Unabhängigkeit der Kultur einbüßt." Man könne am Beispiel der USA zwar sehen, dass PPPs funktionieren, allerdings, so Puhl, käme da eine sehr spezielle Steuerpolitik entgegen, die bisher in Deutschland fehle.
Eine Diskussion zur möglichen Sanierung des Theaters über eine PPP ist am 25.Mai im Warsberger Hof in der Dietrichstraße. Die von TV-Redakteur Dieter Linz moderierte Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.
Video ab 16 Uhr unter volksfreund.de/video