Die letzte Schwester geht

Speicher (alt) Schwester Daniela Müller sitzt vor dem Fernseher. Es läuft eine Dokumentation über die Eifel.

Die Gegend erscheint ihr wie ein fernes Land. Die Ordensschwester arbeitet 1987 in einem Heim in Berlin. Und sie lebt gern in der Großstadt. An manchen Abenden lauscht sie den Philharmonikern. "Speicher ist ein Ort, in dem sich Hase und Igel Gute Nacht sagen", sagt der Sprecher im Film. Sie ahnt nicht, dass der Orden sie zwei Tage später dorthin, ins Sankt-Vinzenzhaus, entsenden wird.
Als sie den Brief öffnet, die ersten Zeilen liest, denkt sie: "Bitte nicht!" Das sei ein Schock gewesen, sagt sie heute. Aber sie hatte versprochen, überall hinzugehen, wo sie gebraucht werde. Also tritt die Schwester die Reise an.
Heute ist sie längst angekommen. Das Sankt-Vinzenzhaus nennt die 79-Jährige heute ihr Zuhause. Am 15. Januar wird sie dieses Zuhause verlassen. Sie ist eine der beiden letzten Schwestern, die noch in Speicher leben und arbeiten. Der Orden entsendet sie nach Nordrhein-Westfalen.
In Speicher gibt es keinen Stadtverkehr, keine U-Bahn, keine Philharmoniker. Es gibt nur Wälder - grüne, weite Wälder. Genau die lernt sie mit der Zeit zwar zu schätzen. Schließlich sei sie sehr naturverbunden. Trotzdem fällt ihr das Leben hier anfangs schwer. Sie vermisst Berlin. Das Berlinern hat sie sich auch nach 30 Jahren nicht so recht abgewöhnen können. Noch heute sagt sie "jemacht, jebraucht, jefallen." Trotzdem hat sich einiges geändert. Sie fühlt sich wohl im Sankt-Vinzenzhaus.
Die gute Seele: Dabei wohnt sie hier seit Jahren nur auf wenigen Quadratmetern, in einem einfachen Zimmer. Ihr reicht das. Die meiste Zeit verbringt sie ohnehin mit den Kindern. Sie kümmert sich um sie, weil sie aus verschiedensten Gründen? nicht bei ihren Eltern wohnen können. Untergebracht werden sie vom Jugendamt.
Die Arbeit mit den Kindern hält Daniela Müller jung. Wer mit der Oberin spricht, glaubt nicht, dass sie schon auf die 80 Jahre zugeht. Stimme und Augen sind so voll von Leben wie bei einer Jugendlichen.
Seit 2004 ist sie stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Das heißt: Sie kümmert sich nicht mehr in erster Linie um die Kinder in den Gruppen, sondern um organisatorische Dinge.
Nach einer Lehre als Hauswirtschaftsgehilfin in Köln arbeitet die damals 17-Jährige in einem Heim in Euskirchen. Die Einrichtung wird von den Vinzentinerinnen betrieben. Für die junge Frau? ist zu dieser Zeit noch nicht klar, dass sie Schwester werden will. "Obwohl meine Geschwister schon immer sagten, dass ich anders bin", meint sie heute, dass es die Zeit in der Eifel war, die sie geprägt habe. Dort trifft sie eine Schwester, deren Umgang mit den Kindern sie fasziniert. Sie sei liebevoll und doch konsequent gewesen?
Bis 1962 bleibt sie dort. Mit 24 Jahren tritt sie in den Orden ein und absolviert eine Ausbildung zur Heimerzieherin. Eine folgenschwere Entscheidung, mit der ihre Familie und Freunde anfangs schwer zurechtkamen. Den Entschluss, Vinzentinerin zu werden habe sie aber nie bereut, sagt sie.
Es sei eben ihre Berufung gewesen, für die Kinder da zu sein. Eine Aufgabe, die für ein Leben reicht. Das weiß sie bereits, als sie als junge Frau ihr Postulat - eine Art Probezeit für den Eintritt in einen Orden?— in Bad Godesberg bei Bonn antritt. Wie es der Zufall will, wird sie dorthin, wo ihr Leben als Ordensschwester begann, im Januar zurückkehren. Das dortige St.-Vinzenzhaus ist ein Pflegeheim für alte Menschen.
Abschied von der Heimat: Mit 79 sind viele schon seit einem guten Jahrzehnt im Ruhestand. Daniela Müller übernimmt in Bad Godesberg wieder den Posten einer Oberin.
Der Abschied aus Speicher fällt ihr heute genauso schwer, wie damals der Weggang aus Berlin. "Ich muss ein Stück Heimat aufgeben", sagt sie. Ohne ihre Beziehung zu Gott würde sie das nicht auf sich nehmen - da ist sie sicher.
Ein weiteres Mal geht die Schwester dorthin, wo sie gebraucht wird. Im Speicherer Vinzenzhaus geht der Betrieb von Heim und Kindertagesstätte auch ohne Daniela Müller weiter.