Die nächste Großrazzia kommt bestimmt

Kostenpflichtiger Inhalt: Kriminalität : Die nächste Großrazzia kommt bestimmt

Die Stadt Trier und die Polizei setzen beim Problem Drogen und Alkohol auf einen Mix aus „Repression und Prävention“. Shisha-Bars sind zunehmend im Blickpunkt.

Wenn Heinz Fichter in Schulen geht und von seiner Vergangenheit als „Junkie“ und Alkie“ erzählt, wird es mucksmäuschenstill. Denn der heute 60-Jährige hat einiges zu berichten. Wie er als Jüngster in der Realschul-Klasse Alkohol mitgetrunken hat, um sein Sebstbewusstsein zu stärken. Wie er Joints rauchte, um dazu zu gehören – und dann in einer Abwärtsspirale landete. „Außer Heroin habe ich so ziemlich alles konsumiert.“

Ausgerechnet ein (missglückter) Suizidversuch brachte die Wiederauferstehung: „Statt auf dem Friedhof landete ich in der Psychiatrie und habe eine Therapie gemacht.“ Resultat: Seit 28 Jahren ist der mehrfach abhängige Trierer trocken und clean. Er arbeitet in Luxemburg und ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Kreuzbund-Diözesanverbandes Trier, der Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige: „Damit kann ich dem Kreuzbund etwas zurückgeben dafür, dass er mich in meiner Abstinenz gestärkt hat.“

In Schulklassen geht Heinz Fichter, um auf die Gefahren von Alkohol und Drogen aufmerksam zu machen. „Wenn ich rede, dann hören die jungen Leute mir zu, weil es authentisch ist, was ich zu sagen habe.“ Aber: Längst nicht alle Schulen wollen, dass er zu ihren Schülern spricht:  „Es gibt Gymnasien, die dankend ablehnen mit der Begründung, sie hätten keinen Bedarf. Aber wenn ich dann sehe, was draußen vor Schule so abgeht und dass da sehr wohl mit Marihuana gehandelt wird oder der Joint kreist, dann bin ich mit meinem Latein am Ende.“

In der Plenumssitzung des Kriminalpräventiven Rates am Montagnachmittag im Palais Walderdorff stößt Fichter auf offene Ohren. Und Bestätigung: „Auch Schulleitungen müssen ihre Hausaufgaben machen“, fordert Ralf Krämer, Leiter der Polizeidirektion Trier. Denn „Betäubungsmittel und Alkohol im öffentlichen Raum“, so das Thema der Sitzung unter Leitung von Bürgermeisterin Elvira Garbes und Polizeipräsident Rudolf Berg, lassen sich nicht wegleugnen.

Spätestens die Großrazzia vom 20. August im Palastgarten (der TV berichtete) gab einen Eindruck davon, wie groß das Problem ist. Nicht nur, weil bei dem von einer sechsköpfigen Ermittlungsgruppe vorbereiteten Einsatz ein Dutzend professionell organisierter Dealer verhaftet wurde, sondern auch, weil viele der jugendlichen Abnehmer laut Polizei „erschreckend wenig bis gar kein Unrechtsbewusstsein“ gezeigt hätten. Tenor: „Das Zeug wird doch sowieso bald legalisiert.“ Dass es sich bei den ins Netz Gegangenen um Zuwanderer handelt, taugt auch nicht für politische Meinungsmache. „Deutsche Dealer haben mit Sicherheit zeitgleich Wohnungshandel betrieben“, sagt ein Insider.

Auch die Fälle einer 16-Jährigen, die mit knapp 3,2 Promille in der Notaufnahme landete, oder einer 14-Jährigen, die nach erstmaligem Amphetamine-Konsum zwei Stunden lang auf eine Hecke einredete und heute noch wegen Albträumen psychologisch behandelt wird, unterstreichen den Handlungsbedarf.

Polizei und Stadt wollen, wie am Montag in der Plenumsitzung betont wurden, auch weiterhin auf einen Mix aus Repression und Prävention setzen. Dazu dürften auch wieder eine Großrazzia im Palastgarten (oder anderen Brennpunkten wie Treviris-Passage oder Hauptbahnhofs-Bereich) gehören.

Auf diesem Symbolbild dreht sich ein Mann einen Joint mit Tabak und Marihuana. Foto: dpa/Daniel Karmann
Heinz Fichter leistet Präventionsarbeit an Schulen. Foto: Roland Morgen

Schulen sollen sensibilisiert werde. Für den 12. Dezember ist eine „Schulleiter-Runde“ geplant. Eine Anregung aus dem Plenum, mit der Präventionsarbeit nicht erst ab den fünften Klassen anzusetzen, stieß auf offene Ohren. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Zwölfjährige bereits Alkoholerfahrungen haben, wolle man auch Grundschulen mit ins Boot nehmen. Denn: „Selbstbewusste Kinder, die sich gewertschätzt fühlen, machen keine Suchterfahrung“, betont die städtische Jugendschutz-Bauftragte Christine Schmitz.

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