Gastronomie: Die schönste Garage von Trier macht zu

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Vor 22 Jahren erfand Peter Fath das Piranha. Diesen Samstag ist die winzige Kultkneipe in der Karl-Marx-Straße zum letzten Mal geöffnet.

Ein Zettel im Fenster sollte alles ändern. Es war ein Novemberabend 1997. Peter Fath ging spazieren, als er den Zettel an einem Fenster in der Karl-Marx-Straße sah. Die Räume einer Kneipe waren zu vermieten. Genauer gesagt: ein Raum. 29 Quadratmeter.

Fath nahm den Gedanken mit und kehrte um die Ecke in die Cocktailbar Zartbitter ein, die von Rebecca, einer Freundin Faths, geleitet wurde. Sie hatte den Zettel auch schon gesehen. Zwei Tage später besichtigen beide das Lokal und waren schnell überzeugt. Fath hatte schon jahrelange Erfahrung in der Gastronomie. Nun wollte er sein eigenes Lokal eröffnen. Seine Freundin stieg mit ein.

Sie bauten das Lokal zügig um und eröffneten am 1. Januar 1998. Eine Heizung gab es nicht. Licht auch nicht so richtig. „Wir heizten und beleuchteten die Bar mit Teelichtern“, sagt Fath. „Es musste richtig voll sein, damit es warm wurde. So viele Gäste brauchte der Raum dafür allerdings nicht.

Es gibt knapp 40 Sitzplätze. 60 Personen passen insgesamt hinein. Anfangs kamen vor allem Freunde und Bekannte von Fath. Doch richtig gut lief die Bar nicht. Im dritten Jahr, er betrieb die Bar nun alleine, verkürzte er die Öffnungszeiten auf Donnerstag bis Samstag. „Dann ging es steil bergauf.“ Mittlerweile gab es sogar eine Heizung und richtiges Licht.

Es macht ihm immer noch Spaß, doch nach diesem Samstag schließt Fath das Piranha. Von sich aus. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

„Es ist eine Vernunftüberlegung.“ Zwei Jahre lang hat er darüber nachgedacht. Er ist fast 60 Jahre alt und will kürzer treten. Obendrein arbeitet er auch noch als Redakteur bei RTL Radio in Luxemburg. „Trotzdem wird es am Wochenende ein bisschen wehmütig werden“, sagt Fath.

„Ich werde viele Menschen in ‚meinem Wohnzimmer‘ vermissen.“ Anderes wie den Qualm nicht. Das Piranha ist eine Raucher-Bar. Nicht optimal für den Nichtraucher und Asthmatiker Fath. Zweieinhalb Jahre lang hatte er mal das Rauchen verboten, aber das bescherte ihm einen Umsatzeinbruch von 30 bis 40 Prozent. „Es war immer ein friedlicher Ort. Die Leute kommen her, um sich hinzusetzen und sich zu unterhalten, nicht, um mit den Handys herumzufuchteln“, sagt Fath. „Hier lernen sich die Menschen noch kennen.“

Es seien auch immer regelmäßig Gäste von außerhalb herkommen. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Piranha laut Fath in einer Ausgabe des Reiseführers Marco Polo als „schönste Garage der Welt“ betitelt wird – und nicht nur als „schönste Garage von Trier“ wie neben der Theke an der Wand zu lesen ist.

Das Interieur ist schlicht. Ein paar Hochtische, eine Couch. Dahinter laufen auf einer Leinwand Filme ohne Ton. Eineinhalb Jahre lang gab es mittwochs auch mal Kino, aber das rechnete sich nicht. An den Wänden hängen Fotos von Musikern wie Nick Cave, Iggy Pop und Sting.

Die Bilder hat Fath selbst geschossen. Er arbeitet auch als Fotograf. „Wir hatten auch Lesungen und viele Konzerte, etwa mit Jimi Berlin. Auch internationale Künstler kamen vorbei. Ann Vriend aus Kanada war acht mal hier.“

Guildo Horn habe oft bei ihm gefeiert, sagt Fath und einmal gar eine Hochzeitsgesellschaft. Dennoch sei das Piranha in all seinen 22 Jahren ein Geheimtipp geblieben. Vielleicht wegen seiner Lage noch hinter dem Miss Marple‘s, wo viele so weit unten in der Karl-Marx-Straße nur noch Rotlichtbars vermuten. Vielleicht, weil nur an drei Tagen die Woche und erst ab 21 Uhr geöffnet war. Die Atmosphäre ist anders als in allen anderen Trierer Bars.

Der Garagencharme verleiht dem Piranha fast etwas Großstädtisches. Würde man irgendwo in Berlin-Kreuzkölln in so eine Bar stolpern, käme sie einem authentisch vor. Die Kundschaft wäre vermutlich etwas vielseitiger, aber das fast ausschließlich studentische Klientel, eher alternativ als chic, passt gut herein. „Ich bin der einzige hier, der älter wird“, scherzt Fath. Es verirrt sich kaum einer her. Wer kommt, macht das bewusst und bleibt oft lange.

Seit mehr als 70 Jahren befindet sich eine Kneipe an dem Ort, aber ob es zukünftig noch so sein wird, ist offen. Was schade wäre, da die Kneipe keine Brauereibindung hat, dafür aber auch keine Fassbieranlage mehr. Für den Abschiedsabend hat er nichts Spezielles geplant.

„Ich bin lautlos gekommen, dann kann ich auch lautlos gehen“, sagt er. Die roten Tequila-Kappen über der Bar werden Samstagnacht aber sicherlich etwas heller leuchten als üblich.