Die Siedler von Feyen
Trier · Heidi Schmitt ist die noch amtierende Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Feyen. Im April 2016 endet ihre Amtszeit - aber auch die Geschichte eines außergewöhnlichen Vereins. Der Schicksalstag war der 28. November 2014. An diesem Tag beschlossen die Mitglieder im Rahmen einer außerordentlichen Versammlung die Auflösung des 1932 gegründeten Vereins.
Es ist nur ein kleiner Teil alter Papiere und Dokumente, die Heidi Schmitt und Robert Adam hier in Augenschein nehmen. Ein Foto vom August 1971 belegt, dass die Seniorennachmittage gerne besucht wurden. Heute noch schwärmen die Menschen der Siedlergemeinschaft von dem Wir-Gefühl, das dort früher herrschte. TV-Foto und Repro: Rolf Lorig
Foto: Rolf Lorig (flo), Rolf Lorig ("TV-Upload Lorig"Trier. Wer durch die Straße Am Bildstock fährt, tut gut daran, langsam zu fahren. Es ist eine kleine, schmale Straße. Die parkenden Autos stehen eng an den Mauern, damit andere Fahrzeuge noch passieren können. Die Häuser sehen von außen klein aus. "Kein Wunder", sagt Manfred Schmitt. "Die waren ursprünglich auch wirklich klein, hatten nur vier Räume im Inneren."
Irscher Hof, Am Bildstock, Reutersfeld. Das war im Wesentlichen das Wirkungsgebiet der Siedlergemeinschaft Feyen. Ein Verein, der 1932 ins Leben gerufen wurde. Der Zweck: kinderreichen Familien mit geringem oder gar keinem Einkommen eigenen Wohnraum zu ermöglichen. Der damalige Trierer Regierungspräsident Konrad Saaßen förderte diese Idee, die zur damaligen Zeit auch in anderen Gebieten Deutschlands praktiziert wurde.
Bauen mussten sie selbst
Ermöglicht wurde das durch die dritte Notordnung der Reichsregierung vom 6. Oktober 1931. Die Grundstücke mussten die Gemeinden zur Verfügung stellen, das Geld, das aus der Hauszinssteuer kam, die Länder. Jedes Bauvorhaben musste in der einfachsten Ausführung erstellt werden und durfte den Preis von 3000 Reichsmark nicht übersteigen.
Bauen mussten die Siedler selbst. "Dabei wussten sie nicht, welches Haus sie später einmal bewohnen würden. Die Häuser wurden in gemeinsamer Arbeit fertiggestellt und später dann im Losverfahren an die einzelnen Familien verteilt", erklärt Heidi Schmitt.
Die Überlegung, die Saaßen und seine Zeitgenossen antrieb, war pragmatisch: Alle, die sich an dem Projekt beteiligen, sollten in der Folge dort auch als Selbstversorger leben. Dazu hatte das Grundstück dann auch eine Fläche von 634 Quadratmeter.
"Dazu gehörte dann auch ein Stall hinter jedem Haus, in dem Tiere gehalten wurden", erläutert Heidi Schmitt.
Die Ställe sind längst Vergangenheit. Sie wurden abgerissen und die Fläche zur Vergrößerung der Häuser genutzt.
Neben Heidi und Manfred Schmitt sitzt Robert Adam, der letzte Schriftführer der Siedlergemeinschaft. Vor den beiden Vorständen liegen alte Papiere. Niederschriften von längst vergangenen Jahreshauptversammlungen, Fotos, Zeitungsausschnitte auf dem Tisch.
Darunter auch ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2006. Damals hatten die Vereinsmitglieder erfolgreich für eine Wanderstrecke von der Weismark zum Pfahlweiher gekämpft. Kein einfaches Vorhaben, führte der Weg doch durch französisches Militärgelände. "Es war auch in den letzten Jahrzehnten noch eine tolle Zeit", sagt der Schriftführer. Zwar kennt er das Wirken der ersten und zweiten Generation nur aus den alten Unterlagen. Er selbst gehört wie Familie Schmitt zur dritten Generation. Doch auch diese drei Menschen haben das Zusammengehörigkeitsgefühl der Siedlergemeinschaft noch kennengelernt. "Es war ein starkes Miteinander, jeder war für den anderen da", bestätigt Heidi Schmitt.
Ihre Erinnerungen reichen noch ein Stück weiter zurück. Denn schon ihr Vater war früh in leitender Funktion im Vorstand aktiv. "Wir Kinder bekamen dann auch unsere Aufgaben, mussten mithelfen, so wie wir es konnten."
Wolfgang Schmitt erinnert sich gerne an die Feste: "Bei rund 200 Mitgliedern in der besten Zeit kamen auch immer richtig viele Menschen zusammen." Das Vereinslokal war das Gasthaus Möller im Südbad, "da wurde gerne und ausgiebig gefeiert."
Doch mit zunehmendem Wohlstand nahm auch in der Siedlergemeinschaft das Wir-Gefühl ab. Früher hatte man Werkzeuge gemeinsam gekauft, die dann von allen benutzt wurden. "Später war das nicht mehr erforderlich, weil sich jeder seine eigenen Sachen kaufte", erinnert sich Robert Adam.
Jeder machte mehr und mehr sein eigenes Ding. Auch zu den Festen und Feiern kamen nicht mehr so viele Menschen wie früher. Und: "Mit jedem Haus, das an einen neuen Besitzer verkauft wurde, schmolz die Gemeinschaft dahin." Trotzdem ließen die Siedler nichts unversucht. "Wir haben beispielsweise durch Kinderfeste versucht, die Neubürger ganz gezielt anzusprechen. Doch die sind leider lieber für sich geblieben", bedauert Heidi Schmitt.
Man merkt der Vorsitzenden an, dass sie die Siedlergemeinschaft gerne noch länger gepflegt und geführt hätte. "Doch das geringe Interesse an einer Fortführung hat auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im November 2014 deutlich gemacht, dass alles irgendwann mal ein Ende hat."