Die Suche nach dem Schuldigen

Trier · Es geschieht gegen 13.20 Uhr an einem Werktag: Eine 18 Meter hohe Kastanie kippt von ihrem Standort im Wilhelm-Rautenstrauch-Park auf die gleichnamige Straße - so schnell und lautlos, dass die Fußgänger völlig überrascht werden. Der heute beginnende Prozess soll klären, wer für dieses Unglück verantwortlich ist.

Viele Passanten sind in der kleinen Rautenstrauchstraße südlich des Pferdemarkts am Rand der Fußgängerzone unterwegs, als der mächtige Baum fällt. Der Stamm der Kastanie verfehlt eine Schülergruppe knapp und begräbt zwei Menschen unter sich. Seine Äste treffen die Fassade des Restaurants und Cafés New Minton's in der Jakobstraße und drücken ein Fenster ein.

Drei Minuten später sind die Einsatzkräfte der Berufsfeuerwehr mit 20 Mann und mehreren Rettungs- und Feuerwehrwagen, der Notarzt, die Polizei sowie weitere Hilfsorganisationen am Ort. 17 Augenzeugen, die meisten sind Schüler, stehen unter Schock und müssen versorgt werden. Ein Mann wird schwer verletzt mit mehreren Knochenbrüchen in ein Trierer Krankenhaus gebracht.
Eine 70 Jahre alte Frau stirbt noch am Unfallort. Sie kann nicht sofort geborgen werden, da der gefallene Baum noch unter Spannung steht. Aus Gründen der Sicherheit und der Pietät sperren Polizeibeamte die Rautenstrauchstraße an beiden Enden ab. Erst Stunden nach dem Unfall kann die Verstorbene geborgen und weggebracht werden.

Der Baum bleibt noch über Nacht, wo er ist. Man sieht der am Fuß abgebrochenen Kastanie deutlich an, wie morsch sie innen war. Nach der Spurensicherung der Polizei kommt am nächsten Tag ein von der Staatsanwaltschaft bestellter Gutachter und untersucht den Stamm. Erst danach wird er abtransportiert.
Oberbürgermeister Klaus Jensen kündigt noch am Tag des Unglücks an, er werde sich für eine lückenlose Aufklärung einsetzen. In einer ersten Reaktion meldet das Presseamt der Stadt Trier, die Verwaltung prüfe einmal im Jahr die Standsicherheit der Bäume auf städtischem Gebiet. Auf der für den Winter geltenden Fällliste sind 79 Bäume an 38 Standorten notiert. Der umgestürzte Baum im Rautenstrauchpark steht nicht dabei.
Am Tag nach dem Unglück stellen sich OB Klaus Jensen und Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani den Fragen der Journalisten. Erst am 1. Oktober sei der Baum von einem Mitarbeiter des Grünflächenamts auf seine Standfestigkeit überprüft worden, heißt es in diesem Gespräch. Die Stadt untersuche einmal pro Jahr jeden der 24 000 Bäume auf ihrem Gebiet und gehe dabei nach "bundesweit anerkannten Richtlinien" vor, betont die Baudezernentin. Die Mitarbeiter seien bestens geschult, das Vorgehen bei Baumschäden genau festgelegt. Die Überprüfung habe jedoch nicht erkennen lassen, wie morsch und sturzgefährdet die Kastanie wirklich war.Kommunikationspanne


Doch schnell stellt sich heraus, dass diese erste Darstellung des Stadtvorstands nicht vollständig ist. Denn die erwähnte Sichtkontrolle am 1. Oktober hat auch ergeben, dass der Unglücksbaum für eine zweite, nähere und intensivere Kontrolle vorgesehen war. Ein wichtiges Detail, das im ersten Pressegespräch der Verwaltung nicht aufgetaucht ist. Die Stadt spricht von einer Kommunikationspanne, der OB betont: "Es gibt nichts zu verschleiern."
Sieben Monate lang ermittelt die Staatsanwaltschaft Trier. Währenddessen fällt Ende März in Heiligkreuz ein weiterer Baum um und trifft den Gehweg neben einer Bushaltestelle. Niemand wird verletzt, der Stamm kippte in den Nachtstunden. Die Erklärung der Verwaltung: Ein Pilz habe eine von außen nicht erkennbare innere Wurzelfäule verursacht.
Anfang Juli präsentieren die Ermittler ihr Ergebnis: Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Trier hätte ein Sachgebietsleiter im Grünflächenamt den Schaden erkennen und die Fällung des kranken Baums veranlassen müssen. Er wird angeklagt wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung. Der Prozess ist auf drei Tage angelegt und soll nach dem heutigen Auftakt am 26. und 28. November weitergehen.Meinung

Dieser Prozess ist enorm wichtig
Der heute beginnende Prozess nimmt ein komplettes System des öffentlichen Dienstes mit ins Visier. Rund 24 000 Bäume stehen im Trierer Stadtgebiet, 18 000 davon direkt an Straßen, Spiel- und Sportplätzen. Die Frage nach der Schuld des angeklagten Sachgebietsleiters provoziert auch die Frage nach der grundsätzlichen Umsetzbarkeit des Kontrollsystems für diese riesige Anzahl an Bäumen. Eine Sichtkontrolle pro Jahr reicht offensichtlich nicht aus, das haben die Vorfälle in der Innenstadt und in Heiligkreuz gezeigt. Denn nicht jeder Pilzbefall ist von außen zu erkennen. Außerdem wird der Prozess klären, ob tatsächlich eine einzelne Führungskraft den Überblick über den Gesundheitszustand aller Trierer Bäume behalten kann und ob der Arbeitsalltag und die personellen sowie zeitlichen Ressourcen eine derart umfassende Kontrolle überhaupt zulassen. Deshalb ist dieser Trierer Prozess so wichtig und wird bundesweit Beispielcharakter haben. j.pistorius@volksfreund.de