Die versteckte Stadt

Schweich · Der Schweicher CDU-Stadtrat Hans-Georg Becker (63) stellt eine provokante These auf: Schweich gleiche einem Hunnenring, sagt er, rundherum nur Mauern, Büsche und Wälle. Eine Stadt, die sich entwickeln wolle, müsse sich öffnen und dürfe sich nicht verstecken.

Schweich. Seit 14 Jahren lebt Hans-Georg Becker in Schweich. Er fühle sich dort wohl, sagt der gebürtige Hunsrücker. Stadtbürgermeister zu werden, dazu hat es bei der Wahl im Mai nicht gereicht (der TV berichtete), aber als neues Stadtratsmitglied bringt der 63-Jährige durchaus frischen Wind in die Sitzungen - und er macht sich dabei nicht nur Freunde.Immer neue Lärmschutzauflagen


In der jüngsten Sitzung eckte Becker mit seiner Anregung an, die Verwaltung solle doch mal alle Ratsbeschlüsse auflisten, die nicht umgesetzt wurden. Ein unmögliches Unterfangen, es seien zu viele, war der Tenor in der Runde, bevor man wieder zur Tagesordnung überging. Unter dem Punkt "Verschiedenes" kam dann Beckers nächste provokante Wortmeldung: Schweich sei "dicht", verbarrikadiere sich hinter Wällen und Bewuchs. Diese These hatte Becker bereits im Stadtbürgermeisterwahlkampf im Frühjahr vertreten. Man könne Schweich auf der Autobahn oder der Bundesstraße umfahren, ohne etwas von der Stadt zu sehen, so seine Aussage. Höchstens einige Dächer lugten über den vielen Wällen und Lärmschutzmauern hervor. Für Becker ist das ein Unding: Eine aufstrebende Stadt wie Schweich müsse sich doch präsentieren. Dazu gehöre auch, gesehen zu werden. Wie das funktionieren soll, dafür hat er allerdings keine Patentlösung. "Es muss doch intelligentere Lösungen geben, als Erde um die Stadt zu kippen, damit die Verhältnismäßigkeit zwischen Lärmschutz und Stadtentwicklung gewahrt bleibt."Zu wenig Gästezimmer


Bei dem TV-Forum im Vorfeld der Stadtbürgermeisterwahl in Schweich hatte Becker auch moniert, dass das neue Schulzentrum "außerhalb der Stadtmauern" gebaut werden soll. Es fehle die Verbindung zur Innenstadt. Auch sei man gezwungen, hinter dem bestehenden Lärmschutzwall wieder einen neuen Lärmschutz zu bauen, und wenn man sich weiter ausbreite, den nächsten. Die Auflage, einen Lärmschutz zu errichten, hat die Lebenshilfe für ihr bevorstehendes Projekt integrative Kita und Wohnheim im Dreieck B 53/Ermesgraben/Bahnhofstraße bereits gemacht bekommen. Daneben sollen die Treverer-Förderschule und die Grundschule Schweich neu gebaut werden (der TV berichtete).
Beckers Einwand, Schweich schotte sich optisch ab, wurde im Stadtrat nicht weiter erörtert. Das viele Grün sei doch gut und biete den Bewohnern einen zusätzlichen Lärmschutz, bemerkte Philipp Gemmel (Freie Wählergruppe). Zum Thema passte die Ankündigung von Stadtbürgermeister Otmar Rößler, dass der Isseler Schutzwall an der B 53 erhöht wird. Bis Jahresende sollen dort 8000 bis 10 000 Kubikmeter Boden abgelagert werden.
Dass eine Stadt von der Autobahn aus gut gesehen werde, bedeute nicht zwangsläufig, dass der Tourismus davon profitiere. Das sagt Jochen Conrad vom Fremdenverkehrsverein Römische Weinstraße. Wichtiger für Gäste, die in die Verbandsgemeinde Schweich kämen, seien die Nähe zu Trier und die vielen guten Wander- und Radfahrmöglichkeiten in der Moselregion. Die Diskussion um sehen und gesehen werden ist für Conrad nicht so relevant wie eine andere, die seiner Meinung nach durchaus einmal den Stadtrat beschäftigen sollte: Wie attraktiv ist die Stadt Schweich für Gäste?
Im Vergleich zu anderen Moselorten wie Longuich, Mehring oder Leiwen sei Schweich bei den Übernachtungsmöglichkeiten schlecht aufgestellt: "Wir stoßen oft freitags schon an unsere Grenzen, wenn Nachfragen kommen."
Und Nachfragen gebe es seit dem 12. April, dem offiziellen Starttermin des Premiumwegs Moselsteig, immer häufiger. Einige Hotels und Pensionen gebe es zwar, auch ein paar Ferienwohnungen, dann sei in Schweich auch schon Schluss mit Unterkünften. Conrad: "Es fehlen Winzerhöfe und Gästehäuser, da gibt es einen hohen Bedarf."Meinung

Auch auf die Kernstadt schauen
Schweich dürfte es schwerfallen, Autofahrern im Vorbeifahren seine Schokoladenseiten zu präsentieren. Dazu müsste man schon gläserne Lärmschutzwände einbauen und Erdwälle abtragen. Ein Ausblick wie etwa auf Wittlich oder Hermeskeil, wie man ihn hat, wenn man von den Eifel- oder Hunsrückhöhen kommt, ist schon wegen der Topografie im Moseltal nicht möglich. Die Autobahnen laufen unmittelbar an der Schweicher Ebene vorbei, allenfalls sieht man auf der Hangbrücke im Augenwinkel den Campingplatz, mehr geht nicht. Die Bewohner sind froh, wenn sie die Straßen nicht sehen und möglichst wenig von ihnen hören. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Autofahrer ihrerseits nicht viel von Schweich mitbekommen und die Stadt hinter Mauern und Büschen verborgen bleibt. Dennoch ist der Einwurf von Hans-Georg Becker im Stadtrat nicht verkehrt. Er sollte zum Nachdenken anregen. Schweich war in den vergangenen Jahren viel zu sehr mit der Peripherie beschäftigt, mit seinem Wachstum. Mehr Häuser, mehr Wohnungen, mehr Schulen, mehr Bewohner - das war die Devise. Mit dem Ermesgraben wird das größte Baugebiet im Land aus dem Boden gestampft, im Stadtrat jagt ein Bebauungsplan den nächsten. Das trübt den Blick für so manche Unzulänglichkeit in der Kernstadt. Den drohenden Kollaps des motorisierten Verkehrs konnte man in Schweich gerade noch aufhalten - den Kreisverkehren sei dank! -, doch an Fußgängern und Radfahrern ist die Stadtplanung im letzten Jahrzehnt komplett vorbeigegangen. Davor darf man sich in Schweich nicht "verstecken". a.follmann@volksfreund.de

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