"Dreht, was zu kriegen ist!"

TRIER. (LiK) Katastrophen, Kriege und Krisengebiete sind die Schauplätze, an denen der ZDF-Reporter Armin Coerper zum Einsatz kommt. Über seine Arbeit und die Gratwanderung zwischen ethischer Verpflichtung und journalistischer Informationspflicht berichtete er in einem Vortrag an der Uni Trier.

Der 33-jährige gebürtige Saarländer verkörpert eine neue Art von Journalist: Er sitzt "ständig auf gepackten Koffern", um im Ernstfall so schnell wie möglich aus entlegenen Orten wie Banda Aceh, Islamabad oder New Orleans berichten zu können. Dabei besteht seine Aufgabe weniger darin, komplexe Hintergrundinformationen zu erklären, sondern eher "Geschichten zu erzählen, die für das Leid vor Ort stehen". Seit eineinhalb Jahren gehört Armin Coerper zum dreiköpfigen Reporter-Pool des ZDF, das die schnelle Eingreiftruppe des öffentlich-rechtlichen Senders für Krisen- und Katastrophengebiete stellt. Er ist derjenige, der im "heute-journal" und anderen Nachrichtensendungen live von Orten berichtet, die er selbst erst seit wenigen Stunden kennt, und deren meist chaotische Verhältnisse er in Worte und Bilder fassen muss. Damit unterscheidet sich seine Arbeitsweise auch von der eines ständigen Auslandskorrespondenten, dem Land und Leute nicht fremd sind, dem Zeit für Recherche und Analysen bleibt. Bei Coerpers Arbeit geht es in erster Linie darum, im medialen Wettstreit um Aktualität und Aufmerksamkeit die Nase vorn zu haben. Starke Nerven, eine hohe Belastungsfähigkeit und die Fertigkeit, routinierte und souveräne Live-Berichterstattung abzuliefern, sind Anforderungen an einen Krisenreporter. Aber auch ein hohes Maß an Flexibilität wird erwartet: "Von einem selber als auch von deinem privaten Umfeld", wie Coerper den 70 Studierenden schilderte, die der Einladung des "Förderkreises für internationale Beziehungen und Entwicklungsländer" gefolgt waren. Politikwissenschaftsstudentin Corinna Jenal war beeindruckt vom Blick hinter die Kulissen des Nachrichtengeschäfts: "Es ist interessant zu sehen, wie er diesem ständigen Druck von innen und außen standhält. Und es wurde deutlich, wie unerschrocken die moderne Medienmühle vor sich hin mahlt." Diese "Medienmühle" spiegelt sich in ihrer Berechenbarkeit auch an den dramaturgisch gestalteten Krisenberichten wider. Die große Katastrophe wird mittels dramatischer Einzelschicksale geschildert und so emotional "verkauft". Dass dabei der Leitsatz von Ex-Tagesthemen-Chef Hajo Friedrichs, wonach sich Journalisten "keiner Sache gemein machen sollen, auch keiner guten" ins Leere läuft, kann Coerper verschmerzen. Er sieht die wechselseitige Beziehung von Journalismus und Hilfsorganisationen ganz pragmatisch: "Wir sind gegenseitig aufeinander angewiesen." Aus der sich ständig wiederholenden Dramaturgie von Berichten aus Krisenregionen versucht er auszubrechen, indem er sich bei Programmmachern auch dafür einsetzt, "das Pferd mal von hinten aufzuzäumen". So geschehen, als er einen Bericht im "heute-journal" unterbrachte, der ein anderes Bild von Israel vermittelte als das allseits bekannte, von brennenden Autoreifen und Selbstmordattentaten bestimmte. Am Beispiel eines Konzerts der Söhne Mannheims in Jerusalem durchbrach er das stereotype Opfer-Täter-Schema. Mit Filmbeispielen veranschaulichte der Krisenreporter seine Arbeitsweise und die Herausforderungen bei der Produktion. Auch wenn er gelegentlich sein Arbeitsumfeld, das ihm oft nur ein dickes Bündel Handgeld, ein Kamerateam und die Order "dreht, was zu kriegen ist" mit auf den Weg gibt, gelegentlich gerne gegen das eines Korrespondenten in Paris eintauschen würde, so verriet der Vortrag doch viel über die Faszination seines Berufs.