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Drei Musiker des Philharmonischen Orchesters Trier arbeiten ehrenamtlich.

Ehrenamt : Raus aus dem Orchestergraben, rein ins Krisenzentrum

Sie spielen nicht. Sie zeigen Solidarität. Drei Musiker des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier arbeiten ehrenamtlich für Gesundheitsamt und Impfzentrum, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Doch eine Sehnsucht bleibt.

Sie vermissen die Proben, die Premieren, das Publikum und weiß Gott ihren Chef, Generalmusikdirektor Jochen Hochstenbach. Die 47 Musiker des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier mussten bereits vor Wochen ihre Instrumente wegpacken und warten seitdem auf das Ende des Lockdowns. Gemeinsam spielen dürfen sie nicht – doch beziehen sie anders als ihre arbeitslosen freiberuflichen Kollegen Kurzarbeitergeld. Immerhin. Einen Tarifvertrag am Theater zu haben, ist ein Privileg in diesen Zeiten.

Ende Oktober, just als die Operette „Die lustige Witwe“ zu Ende geprobt war, und der Teillockdown vor der Türe stand, kam eine Mail. Verwaltungsdirektor Herbert Müller fragte an, wer die Berufsfeuerwehr beim Telefondienst für das Gesundheitsamt unterstützen könne. Madalina Kaufmann aus Trier (Geige), Achim Rösner aus Trier (Horn) und Michael Corde aus Gusterath (Klarinette) meldeten sich ab 26. Oktober zum Dienst. Ihr Job: Kontaktpersonen erstes Grades während der häuslichen Quaräntäne zu kontaktieren.

 Klarinettist beim Philharmonischen Orchester der Stadt Trier: Michael Corde.
Klarinettist beim Philharmonischen Orchester der Stadt Trier: Michael Corde. Foto: Martin Kaufhold/Theater Trier

Arbeiten statt warten

Michael Corde: „Ich wollte was Sinnvolles tun. Auch, um keinen Lagerkoller zu kriegen. Man will ja auch raus. Für mich war das genau das Richtige.“

Madalina Kaufmann: „Es war mir wichtig, etwas für die anderen zu tun. In so einer Situation kommt es auf die Gemeinschaft an.“

Achim Rösner: „So konnten wir an einer ,ganz kleinen Stellschraube’ drehen, dass die Zahlen möglichst nicht noch weiter steigen. Die Trennung, dass medizinisch geschultes Personal (im Gesundheitsamt) sich um die positiv Getesteten kümmert, die städtischen Angestellten (aus anderen Bereichen) sich um die Kontaktpersonen, hielt ich für vertretbar und sinnvoll.“

Telefonieren statt musizieren

Madalina Kaufmann: „Wir haben regelmäßig die Leute, die in häuslicher Quarantäne waren, angerufen – sogar am letzten Tag ihrer Isolation. Wir haben nach ihren Symptomen gefragt und dem Verlauf. So habe ich viele Leute kennengelernt. Viele waren dankbar und sagten ‚Schön, Frau Kaufmann, dass sie sich melden.’ Es gab Tage, etwa in der Spitzenzeit Ende November, da riefen wir im Team bis zu 800 Leute täglich an.“

Michael Corde: „Die meisten Anrufe waren schnell erledigt. Ich hatte aber auch Menschen am Telefon, die Hilfe brauchten. Die niemanden hatten, der für sie einkaufen konnte. Uns lagen aber Listen vor mit Hilfsangeboten, die wir vermitteln konnten. Viele waren froh, wenn ich angerufen habe. Ich habe viele interessante Gespräche geführt.“

Achim Rösner: „Fast ausnahmslos gab es positive, freundliche Rückmeldungen. Die Leute hatten volles Verständnis für die Quarantäneregelungen. Ganz toll war der Neunjährige, der selbst die Fragen zu möglichen Symptomen ganz genau beantworten wollte und den Hörer nicht seiner Mutter weiterreichte. Humorvoll auch die Antwort eines Mannes ganz ohne Symptome: ,Mein einziges Problem ist, dass mein Weinkeller immer leerer wird...’ Manchmal konnten Jugendliche in Migrantenfamilien besser Deutsch als deren Eltern sprechen und haben dann geduldig gedolmetscht. Sehr betroffen ist man natürlich, wenn Angehörige im Krankenhaus behandelt werden müssen oder sogar durch Corona gestorben sind.“

 Spielt Horn beim Philharmonischen Orchester der Stadt Trier: Achim Rösner.
Spielt Horn beim Philharmonischen Orchester der Stadt Trier: Achim Rösner. Foto: Martin Kaufhold/Theater Trier

Kollegen-Kontakte pflegen statt abtauchen

Michael Corde: „Wir Klarinettenkollegen haben eine WhatsApp-Gruppe. Außerdem telefonieren wir gelegentlich.“

Achim Rösner: „Telefonisch oder online habe ich Kontakt zu einigen Kollegen. Zu Spaziergängen treffen wir uns auch immer wieder.“

Madalina Kaufmann: „Ich bin im Orchestervorstand und habe mit allen Kontakt. Ich werde angerufen und in Entscheidungen miteinbezogen.“

Üben und unterrichten statt pausieren

Achim Rösner: „Auch ohne ein konkrete Ziele wie Sinfoniekonzert oder Opernpremiere übe ich weiterhin regelmäßig; schwierige Etüden und Solokonzerte, die ich seit dem Studium wenig gespielt habe, sind jetzt wieder dran. Wenn man als Blechbläser mehrere Tage nicht spielen würde, hat man schon zu viel Kraft verloren – man muss einfach immer dranbleiben. Zurzeit habe ich nur eine Schülerin – bei Horn geht es unter anderem um große Lautstärke- und Klangunterschiede sowie eine gute Luftführung und die Haltung der rechten Hand – normaler Unterricht ist online kaum möglich. Wir haben es die Tage aber vor, mal auszuprobieren, da der Lockdown ja nochmals verlängert wurde.“

Michael Corde: „Ich habe mein Übepensum. So komme ich auf ein bis eineinhalb Stunden pro Tag. Am Wochenende übe ich länger. Da packe ich dann Stücke aus, die ich schon lange nicht mehr gespielt habe und entdecke die Freude an der Musik wieder, jenseits der Routine. Die ist ja als Orchestermusiker genauso da wie in jedem anderen Beruf. Außerdem unterrichte ich zurzeit online.“

Madalina Kaufmann: „Bei mir ist das genauso. Allerdings unterrichte ich im Moment nicht. Viele meiner Schüler mögen keinen Online-Unterricht. Sie bevorzugen den Präsenz-Unterricht.“

 Die Trierer Orchestermusiker Madalina Kaufmann, Achim Rösner und Michael Corde haben zwei Monate lang im Lagezentrum für das Gesundheitsamt Trier-Saarburg gearbeitet.
Die Trierer Orchestermusiker Madalina Kaufmann, Achim Rösner und Michael Corde haben zwei Monate lang im Lagezentrum für das Gesundheitsamt Trier-Saarburg gearbeitet. Foto: Madalina Kaufmann

Freuen statt jammern

Madalina Kaufmann: „Auf die Kollegen, auf das Miteinander und auf den Applaus freue ich mich am meisten, wenn es wieder losgeht. Ich möchte wieder ein volles Haus haben.“

Achim Rösner: „Auf gemeinsames Proben und Musizieren mit den Orchesterkollegen freue ich mich am meisten – die Runde darf gerne so groß wie möglich sein.“

Michael Corde: „Ich freue mich aufs Spielen und darauf, Normalität zurückzubekommen.“

Bis es so weit ist, wollen sich die drei Musiker weiterhin intensiv für die Gemeinschaft einsetzen. Nachdem das Lagezentrum aus dem Gesundheitsamt in das Gebäude der Europäischen Rechtsakademie gezogen ist, arbeitet Madalina Kaufmann nun seit Januar dort an der Pforte. Michael Corde hat in der Zwischenzeit im Impfzentrum ausgeholfen. „Wahrscheinlich werden wir demnächst dort gebraucht, um die Menschen in Empfang zu nehmen und sicherzustellen, dass die Impfungen zügig vorangehen. Ich hoffe es jedenfalls.“

Noch mehr aber hoffen sie auf eine Perspektive für ihren Beruf mit der Musik. „Wir hangeln uns derzeit im Zwei-Wochen-Rhythmus weiter. Das ist zermürbend“, sagt Madalina Kaufmann. „Wenn wir einen fixen Termin hätten – wüssten, bis Ostern bleibt das Theater zu – könnte ich damit besser leben als mit dieser Ungewissheit.“