Drei Romane, vier Ansichten

Aus dem Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften an der Universität Trier herauszugehen an die Öffentlichkeit, das ist Ziel des Literaturgesprächs zu aktueller amerikanischer Lektüre. Zu seinem fünfjährigen Bestehen startete das Trierer Centrum für Amerikastudien (TCAS) die neue Reihe in der Stadtbibliothek Trier, in der Literaturkritiker Hubert Spiegel vor 160 Zuhörern aktuelle US-Romane analysierte.

Trier. (mehi) Keinesfalls "dumm und oberflächlich", wie von Horace Engdahl vom Literaturnobelpreis-Komitee behauptet, sei zeitgenössische US-Lektüre. Diese Aussage belegt Hubert Spiegel, Deutschlandkorrespondent im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), direkt - mit den Romanen selbst. Drei davon hat er mitgebracht in den Lesesaal der Stadtbibliothek zum ersten Literaturgespräch zu aktueller amerikanischer Literatur: "Ein gerader Rauch" von Denis Johnson, "Kein Land für alte Männer" von Cormac McCarthy und Susan Chois Roman "Reue".

Nicht nur Studenten interessieren sich für US-Lektüre, rund 160 Gäste aller Altersgruppen verfolgen die Diskussion bei der Auftaktveranstaltung zum fünfjährigen Bestehen des Centers. Gerd Hurm, Leiter des TCAS, ist zufrieden mit der Resonanz. Das Literaturgespräch, das er gemeinsam mit den Stadtbibliotheken organisierte, soll eine feste Größe werden in Triers Kulturprogramm, verspricht er, um das Verständnis für die amerikanische Gesellschaft und Kultur zu fördern.

"Ich will zeigen, welche Bandbreite es gibt, welch unterschiedliche Autoren, auch stilistisch", erläutert Spiegel seine Buchauswahl. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert er sie gemeinsam mit Stadtbibliotheksleiter Michael Embach, Gerd Hurm und Martin Genetsch, Lehrer am Auguste-Viktoria-Gymnasium. Bei allen Unterschieden hätten sie doch bestimmte Berührungspunkte, sagt der Literaturkritiker: "Paranoia, Gewalt und Entfremdung."

Kontrovers diskutieren die vier Podiumsteilnehmer die Romane. Aus unterschiedlicher Perspektive gehen sie an McCarthys Buch heran. Hurm, ganz Wissenschaftler, nimmt Textpassagen auseinander. Die zeigen, dass trotz feinfühliger Übersetzung die Doppeldeutigkeit mancher Wörter nicht deutlich wird. Spiegel hingegen interpretiert aus Sicht des Journalisten, Embach aus der des Bibliothekars. Einig ist sich Spiegel mit Lehrer Genetsch darüber, dass Choi aus der Einwanderungsperspektive auf die amerikanische Gesellschaft blicke. Beide kritisieren den deutschen Titel "Reue", denn das Original, "A Person of Interest", assoziiere den Mensch zwischen Zeuge und Verdächtigem genauso wie die interessante Person des Professors. Und während Embach die Bücher als "völlig unpolitisch" bezeichnet, sieht Spiegel darin die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten der Protagonisten, die Ausweglosigkeit der Bush-Ära; hochpolitische Themen. So zeige Johnsons Roman über den Vietnamkrieg "das große amerikanische Trauma der Nachkriegszeit", wie Spiegel betont. "Irak ist die Folie, die man da mitliest."

Weitere Jubiläumsveranstaltungen: 28. Mai bis 27. Juni: "Motorcycle": Beschleunigung und Rebellion, Ausstellung mit wissenschaftlichem Rahmenprogramm, Europäische Kunstakademie, Trier. November 2009: "Ecotopia Revisted", Ernst Callenbach.#

Extra
Das Trierer Centrum für Amerikastudien (TCAS) beschäftigt sich seit 2004 interdisziplinär mit amerikanischer Literatur und Kultur in Lehre und Forschung. Es will durch gemeinsame Studienabschlüsse sowie einem Dozenten- und Studierendenaustauschprogramm mit der Portland State University, Portland, Oregon, den Kontakt mit amerikanischen Forschungseinrichtungen und Instituten ausbauen. Das TCAS ist an die Fachbereiche Sprach- und Literaturwissenschaften sowie Anglistik angebunden und kooperiert eng mit dem Trierer Zentrum für Kanada-Studien (ZKS). Seit dem Wintersemester wird ein gemeinsamer interdisziplinärer Master-Studiengang "North American Studies" angeboten. Die Leitung des TCAS hat Sprach- und Literaturwissenschaftler Professor Gerd Hurm. (mehi)