Umwelt : „Wir müssen lernen, mit den Raupen zu leben”

Der Trierer Forstexperte Konrad Boecking hält die Hysterie um den Eichenprozessionsspinner für unangebracht. Befallene Bäume zu fällen, ist für die Kommunen keine Option.

Fast jeder Ort in der Region Trier war betroffen oder ist es noch: Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (EPS) haben sich rasant ausgebreitet, werden zur Gefahr für die Allgemeinheit. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die feinen Härchen der Raupen bei Mensch und Tier allergische Reaktionen auslösen können. Die vielen Vorfälle und Schlagzeilen der vergangenen Wochen gipfelten in dem Fall eines vierjährigen Jungen aus Salmtal (VG Wittlich-Land), der mit Raupen spielte und seitdem große gesundheitliche Probleme hat (der TV berichtete).

Seit Wochen sind Feuerwehrleute, Gemeindearbeiter und Forstfirmen damit beschäftigt, betroffene Bereiche abzusperren und Baumnester zu entfernen. Für den Trierer Forstexperten Konrad Boecking (54) steht fest: „Wir können noch so viele Raupen  absammeln, den Eichenprozessionsspinner werden wir nicht los.  Wir müssen lernen, mit ihm zu leben, wie wir das mit Wespen, Grasmilben, Zecken und giftigen Pflanzen auch tun.” Es gebe wesentlich größere Gefahren als den Eichenprozessionsspinner, etwa den Hantavirus, der von Mäusen übertragen wird. „Aber darüber redet ja keiner.”

Boecking, der vor 15 Jahren die ersten Raupen des Eichenprozessionsspinners in unserer Region in Konz-Roscheid entdeckt hat, kritisiert den Hype, der um die Raupen des Nachtfalters gemacht wird: „Wir brauchen Aufklärung, aber keine Hysterie. Unser erzieherischer Auftrag bei Kindern muss es sein, ihnen beizubringen, dass man keine Raupen anfasst. „Die ’Raupe Nimmersatt’ ist ein tolles Buch zum Vorlesen, aber es verharmlost das Tier.”

Boecking hält nichts davon, befallene Eichen zu fällen („Der Klimawandel lehrt uns, dass wir jeden Baum dringend brauchen”). Warnschilder, Absperrungen oder Zäune erfüllten auch ihren Zweck, nämlich vor allem Kinder vom Spielen am Stamm oder auf den Bäumen abzuhalten. Obgleich auch Brennhaare der Raupen mit dem Wind verteilt werden könnten, sei die Wahrscheinlichkeit, sich im Vorbeigehen oder beim Joggen zu infizieren, äußerst gering. Wenn es doch passiere, dann sei das eher vergleichbar mit einem Wespenstich, aber nicht mit den Folgen eines direkten Kontaktes.

Befallene Bäume fällen, das wollen auch die Kommunen nicht. Dies wäre eine vollkommene Überreaktion, sagen Experten aus dem Amt StadtGrün in Trier. Die heimische Eiche biete Vögeln, Eichhörnchen, kleinen Säugern und mehr als 500 verschiedenen Insektenarten einen wichtigen Lebensraum. Zudem sei die Eiche der Klimawandel-Baum schlechthin; sie vertrage Trockenheit und Hitze besser als die meisten anderen Baumarten.

Die Stadt Trier will auch in Zukunft auf die mechanische Bekämpfung des EPS setzen. Es gebe zwar zugelassene Spritzmittel, um die befallenen Eichen zu behandeln, diese wirkten allerdings nur, wenn die Raupen noch keine Brennhaare entwickelt hätten und der Blattaustrieb bereits erfolgt sei. Das Zeitfenster dafür öffne sich nur wenige Tage,  zudem müsse auch das Wetter mitspielen. Das Grünamt stellt unmissverständlich klar: „Wir lehnen den Einsatz von Insektiziden wegen der Gefahren für Gesundheit und Natur ab.” Die beste Möglichkeit der Bekämpfung bleibe die Aufklärung der Bevölkerung und die Förderung eines positiven Umfeldes für die natürlichen Feinde der Raupen wie Spinnen und Vögel.

In Stadt und Verbandsgemeinde Konz soll die EPS-Raupe weiter fachgerecht entfernt werden – Baum für Baum. Nach Mitteilung von Pressesprecher Michael Naunheim wird eine Prioritätenliste nach folgendem Schema abgearbeitet: Zuerst Kindergärten und Schulen, danach Kinderspielplätze, Friedhöfe und sonstige öffentliche Verkehrsräume. Man werde sich wegen des Klimawandels wohl mit dem EPS arrangieren müssen, sagt Naunheim. Überlegenswert seien deshalb auch überregionale Stategien und Präventionsmaßnahmen.

In der Verbandsgemeinde Schweich seien die Gemeindearbeiter angewiesen worden, mindestens wöchentlich Bäume bei Kindergärten und auf öffentlichen Spielplätzen zu kontrollieren, sagt Pressesprecher Markus Lex. Im Herbst werde ein Fachmann die Ortsbürgermeister über Möglichkeiten der Prävention aufklären.

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