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CORONA: Ein ganzes Leben im Ausnahmezustand

Kostenpflichtiger Inhalt: CORONA : Ein ganzes Leben im Ausnahmezustand

Regina König hat mehrere Quarantänen erlebt. Die Strategie, die sie dabei entwickelt hat, kann anderen in der Krise helfen. Und ihre Haltung sowieso: Die Triererin hat sich ihre Daseinsfreude bewahrt, obwohl das, was sie durchgemacht hat, zehn Leben überschatten könnte.

Sie ist über 60, hat zwei Organtransplantationen hinter sich und eine Herz-Operation, sie überstand ein Krebsleiden und eine schwere Lungenerkrankung: Wenn man die Risikofaktoren, die eine Corona-Infektion besonders gefährlich machen, durch ein Brennglas bündeln und personifizieren könnte, dann käme Regina König heraus. Doch statt in Angst zu erstarren, steht die 62-jährige Triererin in ihrer Küche in Trier-Nord und backt. „Durchhalteplätzchen“ in der Krise für ihre Mutter, ihre Freundinnen.

Regina König hat so viel Zeit ihres Lebens in Quarantäne-Situationen verbracht, dass diese ihren Schrecken für sie verloren haben.

Als Kind erkrankte sie an Diabetes. Künstliches Insulin gab es noch nicht, therapiert wurde sie mit dem Bauchspeicheldrüsen-Hormon von Rindern und Schweinen. Die Liste der Nebenwirkungen spottet jedem Beipackzettel: Ihre Sehkraft schwand, sie litt an offenen Füßen. Mit 40 war die gelernte Medizinisch-Technische Assistentin Dialysepatientin. Dann machte auch noch ihr Herz schlapp, sie erhielt Bypässe.

„Ich habe durch all diese Erkrankungen schon immer relativ zurückgezogen leben müssen“, erzählt König. Die Klagen, eingesperrt zu sein, die sie in diesen Tagen um sich herum hört, lässt sie nicht gelten. „Wir müssen häuslich sein, das ja. Aber wir können die Tür öffnen, wir können auf den Balkon gehen, wir können telefonieren und chatten.“

Fokussieren auf das, was möglich ist – nicht das, was gerade nicht geht: Das helfe durch Zeiten wie diese, rät König. „Man kann Mechanismen entwickeln, mit etwas klarzukommen.“ Belastende Gedanken blendet sie aus, indem sie an etwas Positives denkt, sich etwas Wohltuendes gönnt. „Man kann das steuern.“

Regina König hatte viel Gelegenheit, diese Fähigkeiten zu trainieren. Vor 19 Jahren erhielt sie Niere und Bauchspeicheldrüse eines Spenders, nach der Transplantation musste sie monatelang in Quarantäne leben. Es folgte eine Krebs-Operation. Und vergangenes Jahr endete ein Theaterabend mit Freunden, der mit einem Hüsteln begonnen hatte, in der Notaufnahme. Die Diagnose: ein Lungenvirus. „Die Symptome waren ähnlich wie jetzt bei Covid-19.“ Wieder kam sie in Quarantäne, wieder meisterte sie die Krise.

Woher sie diese Kraft nimmt, wer weiß. Sicher spielt die Kindheit eine Rolle. Ihre Mutter lebte Resilienz vor, einen gelassenen Umgang mit schwierigen Situationen, lange, bevor dieser Begriff geprägt war. Mit Anfang 30 hatte sie sieben Kinder und allen Grund zu jammern, dass eins davon, Regina König, krank war, extra bekocht werden musste. Doch sie sagte: „Ist jetzt eben so, machen wir das Beste draus.“

In einer der kritischen Phasen ihres Lebens, sie lag auf der Intensivstation, fragte Regina König ihren Mann: „Bin ich über den Berg?“ Er entgegnete: „Nein, du musst weiter kämpfen.“ Sie schluckte. Und nickte.

Das ist eine Schlüsselszene ihres Lebens: Ein Arzt erzählte ihr später, sie sei zu diesem Zeitpunkt austherapiert gewesen, er habe nichts mehr für sie tun können. Ihre Entscheidung zu kämpfen habe sie am Leben gehalten. „Ich kann nicht aufgeben.“ Nur an eine Phase erinnert sie sich, in der sie wankte: „Als vor sechs Jahren mein Mann starb.“ Am Ende schöpfte sie auch in der Trauer Kraft. „Er hätte gewollt, dass ich weitermache.“

Die jüngste Episode ist, gemessen an Regina Königs Lebensgeschichte, eher ein Schicksalsschlägchen: Kurz nach Weihnachten stürzte sie, brach sich die Kniescheibe und saß in ihrer kleinen Wohnung fest, durch 46 unüberwindbare Treppenstufen getrennt vom Leben draußen, sieben Wochen lang. Als sie Gestell und Gips endlich los war, kam das Coronavirus.

Nun unterstützt sie mit Durchhaltekeksen, Postkarten und Handy-Nachrichten Freunde und Bekannte, die an der Isolationssituation leiden.

„Tut jeden Tag ganz bewusst etwas, das euch Freude macht“, rät sie. Das schaffe ein Gegengewicht zu belastenden Momenten. „Und schaut, dass ihr heute klarkommt, an diesem Tag. Belastet euch nicht damit, was vielleicht in Zukunft sein oder nicht mehr sein könnte.“

Einige Menschen reagierten in der Coronakrise genervt, fast aggressiv, wenn sie Klagen und Lamenti etwas entgegensetze, erzählt Regina König. Deshalb möchte sie auch nicht, dass ihr Foto veröffentlicht wird. Dabei will sie das Virus nicht verharmlosen.

Die Perspektive so zu ändern, dass die Situation erträglich wird – das ist ihr Anliegen: „Nicht leichtsinnig leben. Aber leicht.“