"Ein halbes Jahr Stillstand verträgt keine Stadt"

"Ein halbes Jahr Stillstand verträgt keine Stadt"

Fred Konrad kommt aus Trier, ist praktizierender Kinderarzt und Landtagsmitglied für Bündnis 90/Die Grünen. Jetzt will er Oberbürgermeister der Stadt werden Der TV hat ihn zu aktuellen stadtpolitischen Themen befragt.

In der Landespolitik mischt er schon länger mit. Nun will er den Platz im Landtag mit dem Chefsessel im Trierer Rathaus tauschen. Seine Chancen dafür hält er durchaus für realistisch, erläutert er im TV-Gespräch.

Seit drei Monaten sind Sie als OB-Kandidat der Grünen im Rennen. Haben Sie diesen Schritt schon einmal bereut?
Fred Konrad: In der Sache nein (lacht) - aber als ich heute Mittag an den Gesprächstermin beim Trierischen Volksfreund erinnert wurde, habe ich mich schon gefragt, ob so viele Termine wirklich sein müssen. Ich habe schon jetzt fast so viele Besuche und Veranstaltungen gemacht, wie es eigentlich bis zum Wahltag sein sollten. Aber man lernt sehr viel. Das Gemeinwesen in Trier ist vielgliedriger als das, was ich bisher in der Kommunalpolitik erlebt habe. Darüber bin ich aber froh. Ich habe schon viele Dinge mit nach Mainz genommen.

Beim Bekanntheitsgrad müssen Sie im Vergleich zu Wolfram Leibe und Hiltrud Zock noch etwas aufholen. Wie kann das gelingen?
Konrad: Wir haben natürlich ein Wahlkampfkonzept gemacht. Und dazugehört zu schauen, wie wir bei den Leuten vor Ort ankommen. Also zum Beispiel durch Hauswurfsendungen. Ich werde in die Stadtteile gehen. Durch den Endspurt der Wahl steigt natürlich der Bekanntheitsgrad. Sollten wir es dann in die Stichwahl schaffen, gibt das Rückenwind. Vor dem ersten Wahlgang wird es nicht gelingen, dass ich so vielen Menschen bekannt bin wie den beiden anderen Kandidaten. Es geht aber darum, dass sich die politisch Interessierten für ein Konzept entscheiden.

Gegen wen würden Sie in einer Stichwahl lieber antreten?
Konrad: Beide sind nett. Wenn ich auf das Kommunalwahlergebnis blicke, hat die Kandidatin der CDU die größten Chancen, im ersten Wahlgang am besten abzuschneiden. Ich bin kein Traumtänzer. Da sind um die 20 Prozent Abstand zwischen Grünen und CDU. Zudem ist Frau Zock sehr bekannt. Aber das wird letztlich nicht entscheidend sein, denn wer zur Wahl geht, wird sich auch die Mühe machen, alle drei Kandidaten kennenzulernen. Natürlich ist es auch Aufgabe der Presse, aus dem Wahlkampf einen Wahlkampf zu machen.

Warum sollten die Menschen Sie denn wählen?
Konrad: Viele Leute wissen zwar und finden es schön, dass ich als Kinderarzt arbeite. Aber ich muss noch viel bekannter machen, dass ich im Landtag sitze und professionell Politik mache. Da bin ich unter den Kandidaten der mit dem breitesten Themenfeld. Zudem war ich schon vor 15 Jahren Vorsitzender einer im Landtag vertretenen Partei, kann also auf eine lange politische Erfahrung zurückblicken. Der Oberbürgermeister hat ein politisches Amt und muss mit dem Stadtrat umgehen können. Das ist für die beiden Mitkandidaten Neuland.

Wie weit spielt die Entscheidung, in Trier zu kandidieren, für ihre politische Zukunft eine Rolle? Beeinflusst der Ausgang der Wahl in Trier auch die Frage, wer wo in der Landesliste stehen wird?
Konrad: Das war natürlich eine Überlegung, die ich hatte. Die wahlkampfbedingte häufige Abwesenheit über drei Monate in Mainz erzeugt allerdings so viele Nachteile bei dieser Frage, wie die Kandidatur Vorteile bringt. Und natürlich kann mein spätes Einsteigen in Trier auch die Gefahr bergen, dass ich ein schlechteres Ergebnis bekomme. Das wäre nicht unbedingt Rückenwind für die Landesliste im kommenden Jahr.

Dann verraten Sie uns bitte, was für Sie als Oberbürgermeister wichtig wäre. Teilen Sie die Ansicht, dass der Verkehr eines der Hauptprobleme der Stadt ist?
Konrad: Verkehr ist in jeder Stadt eines der Hauptprobleme, weil diese sich in einer Zeit entwickelt haben, in der es keine Autos gab. Aber es gibt auch Städte, die erst später gewachsen sind. In allen ist täglich Stau. Sobald ich viele Menschen auf engem Raum habe, die individuell zu denselben Zeiten in die Stadt müssen, entstehen zu Stoßzeiten Staus.

Wie könnte dieses Problem gelöst werden?
Konrad: Nicht, indem wir Straßen immer durchlässiger machen. Das Problem entsteht am Ziel. Pendler, Schülerinnen und Schüler, die Menschen, die ihren Arbeitsrhythmus darauf abstellen, wann sie ihre Kinder zur Schule bringen. Für die brauche ich ein gut getaktetes ÖPNV-Angebot. Zudem muss überlegt werden, wie sich Stoßzeiten entflechten lassen. Warum müssen alle Schulen zur gleichen Zeit beginnen?

Bei der Konkurrenz gibt es da konkrete Projekte …
Konrad: … zum Beispiel den Moselaufstieg. Das löst vielleicht ein Problem der Gewerbegebiete. Bei der Erreichbarkeit in der Stadt verbessert sich dadurch nichts. Auch eine Nordumfahrung brächte nur Vorteile für den LKW-Verkehr. Wichtig sind natürlich die Brückenköpfe. Da muss man noch einmal in Ruhe überlegen, ob da der ganze Verkehr über der Oberfläche bleiben muss. Grundsätzlich wichtig ist auch, dass sich der Verkehr stadtauswärts nicht staut.

Brächte Tempo 30 eine Entlastung?
Konrad: Als Grüner bin ich natürlich für Tempo 30 in der Stadt. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Rat steht das in den kommenden fünf Jahren nicht an. Das kommt aber.

Ist dann die Regionalbahn der Heilsbringer?
Konrad: Nein. Es gibt keinen Heilsbringer. Der Verkehr muss hochwertig abgewickelt werden. Und ich war immer dafür, einen Ringverkehr zu machen, der alle Stadtteile erschließt. Trier-West zum Beispiel ist derzeit für den ÖPNV überhaupt nicht erschlossen. Das hätte man schon längst machen müssen. Aber natürlich muss ich mich als Oberbürgermeister beim Land, beim Bund und bei der Bahn dafür starkmachen, dass wir in Trier zu denen gehören, die einen guten Lärmschutz wollen und nicht daran interessiert sind, dass die Bahn möglichst rasch an die Börse kommt.

Die Finanzen sind auch in Trier ein Problem. Der Schuldenberg steigt beständig. Reichen Entschuldungsfond und kommunaler Finanzausgleich, um das zu ändern?
Konrad: Wenn der Entschuldungsfond reichen würde, hätten wir den kommunalen Finanzausgleich nicht ändern müssen. Für einen Teil der Kommunen reicht das nicht aus. Aber der Soziallastenausgleich kommt Städten wie Trier und Mainz überproportional zugute. Wir müssen das erste Jahr abwarten, auch vor dem Hintergrund der Inklusion und Integration an den Schulen. Dann wird sich das Land die Sache noch einmal ansehen. Ich glaube, dass es Nachbesserungen bedarf und den Landeshaushalt weiter belasten wird. Die Hauptschuld allerdings liegt beim Bund. Denn die größte Belastung für die Kommunen sind die Sozialausgaben.

Auf der Ausgabenseite muss festgestellt werden, dass Trier ein Dreispartentheater hat, über 40 Schulen. Wird das so bleiben?
Konrad: Nein, der Stadtrat hat ja beim Schulentwicklungskonzept entschieden, dass es nicht so bleiben wird. Ich halte es für keine gute Idee, zunächst ein Konzept zu beschließen und danach zu schauen, was das kostet, und dann noch einmal zu diskutieren. Modernes Projektmanagement gehört dazu, wenn man einen Schulentwicklungsplan macht. So etwas muss vom Oberbürgermeister gesteuert werden.

Und das Theater? Neubau oder Sanierung?
Konrad: Das Konzept ist noch nicht fertig genug, um sich da festzulegen. Ich bin zwar kein Freund von Opern und Operetten. Aber eine Stadt wie Trier mit ihrer hohen kulturellen Bedeutung kann es sich nicht leisten, kein entsprechendes Theater zu haben. Von einer Sanierung und den notwendigen Ersatzstandorten würde sicherlich auch die freie Kulturszene profitieren.

Ein Problem in Trier ist der soziale Wohnungsbau.
Konrad: Dass viele Wohnungen in einem untragbaren Zustand sind, ist Versäumnissen der Vergangenheit geschuldet. Die dringensten Probleme müssen sofort angegangen werden, aber alles kann der Oberbürgermeister in acht Jahren nicht lösen. Dafür ist diese Zeit zu kurz und das Geld nicht da. Eine Privatisierung würde das auch nicht lösen. Das Stadtentwicklungskonzept für Trier-West mildert das Problem lediglich. Auch das Land zahlt jetzt für Versäumnisse der Vergangenheit. Trier braucht ein größeres, innenstadtnahes, barrierefreies und bezahlbares Wohnangebot, auch dafür werden Fördermittel gebraucht.

Trier ist eine Stadt des Einzelhandels. Braucht Trier zusätzlich ein großes Einkaufszentrum?
Konrad: Nein, schon gar nicht an den diskutierten Stellen. Trier ist als eine der wenigen Städte im Land von Investoren nicht erpressbar, weil die Zentralitätsfunktion für das Umland außerordentlich hoch ist. Außer Luxemburg besteht in erreichbarer Nähe keine Konkurrenz.

Zurück ins Rathaus. Wird es mit Fred Konrad einen neuen Zuschnitt der Dezernate geben?
Konrad: Das kann ich noch nicht sagen. Die Wege in der Verwaltung sind zum Teil unübersichtlich. Das ist der Eindruck von außen. Die Idee eines Hintergrundreferates, das alles im Blick hat, ist durchaus sinnvoll. Wichtig ist erst einmal Transparenz, um zu analysieren, wie es läuft und dann zu vergleichen, wie es im Idealfall laufen sollte.

Für bessere Arbeitsabläufe müssten aber die Dezernate gut zusammenarbeiten. Wie ist das zu schaffen?
Konrad: Der Oberbürgermeister auf Abruf, der Stadtrat neu gewählt, ohne Kooperationsvereinbarung. Die Mitglieder des Stadtvorstandes werden infrage gestellt. Und natürlch werden dadurch verschiedene Leute und Stellen gezwungen, über die daraus entstehenden Querelen zu berichten. Das führt dazu, dass der Stadtvorstand zum gegenseitigen Lähmen verurteilt ist. Ich weiß nicht, wie Leute glauben können, daraus politischen Erfolg zu schlagen. Kein denkender Mensch kann ein Interesse daran haben, dass eine Stadt sich öffentlich kopflos macht. Ein halbes Jahr Stillstand verträgt kein Gemeinwesen. r.n.Extra

Fred Konrad: 52 Jahre Geburtsort: Trier Studium: Medizin Beruf: Kinderarzt in Kusel; Politiker Familie: verheiratet, drei Kinder