Ein Heiratsmarkt für Jazzer

Bis spät in die Nacht haben einige der 60 Teilnehmer des Workshops des Jazz-Clubs Trier in der Tuchfabrik gespielt. Drei Tage lang proben sie jeden Morgen bei ihren acht Dozenten im Instrumentalunterricht Improvisation und üben sich mittags im Ensemblespiel.

Trier. (mehi) "Lui-lui-lu", tönt es aus einem Workshop-Saal in der Trierer Tufa. Vier Sängerinnen und ein Sänger gehen singend im Kreis. "Beim U die Lippen mehr spitzen!" Gesangs-Dozentin Efrat Alony gibt klare Anweisungen zu den Stimmübungen. Dann stellen sich die Sänger im Halbkreis auf. "Stellt euch vor, ihr ruft jemand im Haus gegenüber", sagt die Lehrerin. "Achtet auf eure Körperspannung! Die Idee ist, genau in dieser Spannung zu singen, ohne zu schreien." Chiara Simonelli wird diese Idee beim Abschlusskonzert eindrucksvoll umsetzen.

Drei Tage lang haben die 60 Teilnehmer des 17. Workshops des Jazz-Clubs Trier die Tufa in Beschlag genommen. Morgens ist Instrumental-Unterricht, mittags spielen die Teilnehmer in einer der acht Combos, und abends ist Session angesagt.

Von der Sängerin bis zum Schlagzeuger, vom Akkordeon-Spieler bis zum Hornisten, vom Anfänger bis zum Virtuosen reicht die Bandbreite der Musiker. Allein 20 Saxofonisten zählt Vorsitzender Nils Thoma. Thomas Lipp aus Morbach-Morscheid ist einer von ihnen, spielt seit Jahren im Musikverein. "Ich bin hier aus Lust, andere Musik zu machen", sagt der 38-Jährige, der im vergangenen Jahr hier erste Erfahrungen mit Jazz gesammelt hat. "In der Sax-Klasse ist ein Elfjähriger. Der spielt klasse!" Da ist kein Neid, nur Anerkennung und Respekt vor der Leistung des Jüngeren. Der spielt gerade ein Solo in der Combo, die der Kölner Gitarrenlehrer Ralph Beerkircher im Workshopraum II der Tufa leitet. "Kieran muss ich wo ganz anderes abholen als die älteren Teilnehmer", erklärt der Dozent, den, wie alle acht Lehrer, Helmut "Daisy" Becker vom Jazz-Club ausgewählt hat.

Einen Flur weiter im Ballettsaal spielt Stefan Weis aus Trier ein Posaunen-Solo, begleitet von Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Dann übernimmt Frank Berres am Tenor-Saxofon den Solo-Part. Das klappt nicht nahtlos. Ein paar Takte braucht es, bis beide ihren Rhythmus gefunden haben. "Gut, super! Das ist cool", ruft Combo-Leiter Sebastian Gramss. "Du hast eine gute Energie", sagt der Dozent zu Weis. Und zu Drummer Johannes Koster: "Für dich gilt, mehr Pausen zu machen, damit die Solisten das Gefühl haben, der hört auf uns." Zu wenig hört er den Keyboarder. "Du spielst sehr weich", sagt Sebastian Gramss. Kontrastreicher solle das Spiel von Jan May werden.

Dass er das kann, beweist der 15-Jährige abends am Flügel. "Das Zusammenspielen mit anderen macht einfach Spaß", sagt der junge Mainzer. Auf der Bühne im großen Saal haben sich einige Workshop-Teilnehmer zur Session zusammengefunden. Christian Weber strahlt. "Der ist ganz heiß", sagt Thoma über den Bassisten. So ein Enthusiasmus ist ansteckend. Julian Urban (15) spielt ein Klarinetten-Solo, dann steigt Luca Simonelli mit seiner Trompete ein. Der 17-jährige Luxemburger, der in Belgien auf ein Musikgymnasium geht, ist bereits zum vierten Mal dabei. "Ich liebe die Atmosphäre hier", sagt er. Der Spaß zieht auch Daniel Kröger aus Trier immer wieder zu den Jazz-Workshops. Sein sechster oder siebter sei dies. "Man lernt viele Leute kennen, knüpft viele Kontakte." "Hier ist auch ein Heiratsmarkt", sagt der Jazz-Club-Chef Nils Thoma. Aus den Workshops hätten sich schon viele neue Bands gebildet.

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