Ein Kenner der Weltpolitik nimmt Abschied

Ein Kenner der Weltpolitik nimmt Abschied

Die Universität Trier verliert mit Hanns W. Maull (65) einen ihrer profiliertesten Experten für Außenpolitik. 22 Jahre lang führte er in der Politikwissenschaft den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik - nun geht er in den Ruhestand. Ein Begriff, der seine Laufbahn prägte, war die "Zivilmacht".

Trier. Hanns W. Maull sitzt mitten im Indischen Ozean. Über seinem Kopf verläuft die Äquatorlinie zwischen Nord- und Südhalbkugel. Zu seiner Linken ragt die Insel Madagaskar aus dem Meer, rechts blickt er auf Australien. Zumindest wirkt es so auf den Betrachter. Maull sitzt auf einer Bank in einem Trierer Café, dessen Wand mit einer Weltkarte bemalt ist. Ein passendes Bild für einen Mann, der in seiner Laufbahn den Globus bereist und am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Trier die Weltpolitik erforscht hat.
Als Maull 1991 auf die Professur in Trier berufen wurde (siehe Extra), befand sich die Welt im Umbruch. Das Ende des Kalten Krieges, später der 11. September und die Globalisierung führten zu einer Weltordnung, die Maull als "chaotisch" beschreibt: "Alles hängt mit allem zusammen, viel mehr als in der Vergangenheit. Das macht das Leben kompliziert für diejenigen, die Entscheidungen treffen müssen. Aber auch für diejenigen, die Internationale Politik unterrichten müssen", sagt Maull, der mit dem Fahrrad zum Gespräch gekommen ist.
Studieren heißt neugierig bleiben


Mit dieser Einschätzung trifft der Politologe einen Nerv. Denn auch viele Bürger haben heute das Gefühl, politische Entscheidungen weder verstehen, noch beeinflussen zu können. Aus seiner Erfahrung schildert er, dass dieses Gefühl auch bei Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft weit verbreitet sei. Maull nennt die Euro-Krise als Beispiel: "Ich weiß nicht, wie es die Bundeskanzlerin empfindet, aber es ist eine Herkules-Aufgabe, die ihr von den Entwicklungen in den Finanzmärkten aufgezwungen wurde."
Ein Begriff, der Maulls Karriere prägte, ist das Konzept der "Zivilmacht". Darunter versteht er einen Staat, der mit seiner Außenpolitik die Zivilisierung der internationalen Politik vorantreibt. Militärische Alleingänge und die Missachtung internationaler Institutionen sind für eine Zivilmacht daher ein Tabu. Als Beispiel nennt Maull die Außenpolitik Deutschlands der vergangenen Jahrzehnte. Doch bei weitem nicht alle Staaten der Welt handeln im Sinne einer Zivilmacht, wie das aktuelle Beispiel Nordkorea zeigt. Eine Welt voller Zivilmächte wäre eine friedlichere, ist laut Maull aber "eine ideale Welt, eine Utopie".
Mit Hanns W. Maull verlässt ein renommierter Experte für Außenpolitik die Universität Trier. Gespräche mit Studierenden und Lehrenden zeigen zudem, dass mit Maull ein ebenso menschlich geschätzter Professor die Hochschule verlässt. Studierenden gibt er trotz aller Irritationen durch Reformen und Sparzwänge folgenden Rat: "Studieren heißt, den Wissensdurst zu stillen und neugierig zu bleiben." Maull blickt auf die Weltkarte hinter sich und sagt: "Ich würde gerne wieder einmal nach Australien reisen und sehen, was sich dort verändert hat."Extra

Hanns W. Maull wurde 1947 in Augsburg geboren. Er studierte an der Universität München Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Zeitungswissenschaften, 1973 promovierte er mit einer Arbeit zum Nahostkonflikt. Später wurde er Mitglied der Trilateralen Kommission und arbeitete als Wirtschaftsjournalist beim Bayerischen Rundfunk. 1986 wurde Maull an der Universität München habilitiert. Seine Forschung führte ihn unter anderem nach Großbritannien, Japan, in die Vereinigten Staaten und nach Italien. Er war Vorsitzender des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik, Senior Fellow der Transatlantic Academy in Washington und stellvertretender Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Seit 1991 war Hanns W. Maull Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und Außenpolitik im Fach Politikwissenschaft an der Universität Trier. Lehren will er auch weiterhin, unter anderem an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies in Bologna. maw

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