Ein letzter Schulausflug

Der Besuch eines Freundes führt Robert Frost zurück nach Bitburg. Jetzt wird dort seine Highschool geschlossen. Er erinnert sich an seine Schulzeit in den 1960er-Jahren, das Attentat auf Kennedy und eine Erdumrundung.

Ein Wiedersehen nach 50 Jahren: Bei ihrem Besuch in Bitburg haben Robert Frost (linkes Foto rechts) und sein Bruder Kenneth (rechtes Foto Mitte) auch ihren alten Freund Peter Kockelmann (linkes Foto links) wiedergetroffen. Auf dem Bild von 1962 ist noch dessen verstorbener Bruder Norbert zu sehen (linkes Foto Mitte). Einen Chevy konnten wir für das neue Bild leider nicht auftreiben. Foto: Archiv/TV-Foto: Christian Altmayer Foto: (e_eifel )

Bitburg 20. Februar 1962: Robert Frost steht mit seinen Freunden vor der Bitburger Highschool. Der Unterricht ist vorbei und der Heimweg steht an. Da erfährt er von einem Klassenkameraden, was sich gerade rund 7500 Kilometer westlich, in Cape Canaveral, Florida, abgespielt hat: Der Amerikaner John Glenn hat es geschafft, in knapp fünf Stunden dreimal die Erde zu umrunden. "Das war für uns damals absolut unglaublich", sagt Frost heute, am 8. Juni 2017: Wieder sitzt der 69-jährige Texaner vor der Schule.
Als das Orchester die deutsche Nationalhymne spielt, legt er die Hand aufs Herz. Die amerikanische Flagge flattert im Wind. Direkt über dem Mast, im Blau des Himmels, zieht ein Greifvogel seine Kreise. Frosts Blick folgt dem Tier, als es langsam von der Bitburger Highschool fortfliegt.
Auch Frost ist seit Jahren schon fort. Doch jetzt, nach mehr als 50 Jahren, ist der Texaner zurück und wird Zeuge, wie seine alte Schule geschlossen wird - mit Musik und Reden auf der Bühne. "Es macht mich traurig zu sehen, dass sie hier alles dichtmachen", sagt er, der Mund: ein Strich, die Augen hinter der Sonnenbrille verborgen. Der Wohnblock, in dem er zusammen mit Vater, Mutter und Bruder gelebt hatte, steht schon seit Jahren leer. Jetzt schließt mit der Highschool das letzte Gebäude auf dem Housingareal. Die rund 200 amerikanischen Schüler ziehen in ein Gebäude auf dem Flugplatz Spangdahlem. "Dort wird die Tradition der Bitburger weiterleben", ist sich Frost sicher. Er selbst ist Teil dieser Tradition: 1962 kommt er in die Highschool. Er bleibt zwei Jahre, spielt das Sousaphon im Schulorchester.
Wenn man ihn nach dieser Zeit fragt, muss er manchmal minutenlang überlegen. Kein Wunder, liegt sie doch mehr als ein halbes Leben zurück. Doch manche Ereignisse brennen sich in einen Kinderkopf ein: Zum Beispiel die Kubakrise im Oktober 1962. Er erinnert sich an eine Versammlung in der Schule: "Wir wurden auf eine Evakuierung nach Spanien vorbereitet", erzählt er, aus Angst vor einem Raketenangriff der Sowjets. Der blieb dann doch aus, die Schüler durften bleiben. Spulen wir also wieder 55 Jahre vor: In Bitburg kommt die Zeremonie zum Ende. Drei Kadetten in blauen Uniformen lassen die Flagge vom Mast. Sie spannen den rot-weiß-blauen Stoff und rollen ihn zusammen. Die Highschool ist Geschichte. Und auch für Robert wird es Zeit zu gehen. Er legt mit der Familie noch einen Stopp in Prag ein, dann fliegt er zurück. Sein Bruder Kenneth reist mit.
Der weiß noch wie es war, als die beiden das erste Mal aus Bitburg fortgingen und vor allem daran, was zehn Tage zuvor passierte: Dass der 22. November 1963 in die Geschichte eingehen wird, ahnt der kleine Kenneth noch nicht, als er mit seinen Rollschuhen durch die Halle rast. Jeden Freitag trifft er sich in jenem Gebäude auf der Base mit seinen Freunden.
Doch der Spaß findet ein jähes Ende, als ein Angestellter über den Lautsprecher verkündet: "Präsident Kennedy ist tot." Alle gehen heim, Tränen im Gesicht. Die Halle wird geschlossen. Zehn Tage später ging der Flug zurück nach Dallas, Texas. Das Zuhause der Frosts ist jene Stadt, in der der Politiker erschossen wurde. Solche unwahrscheinlichen Zufälle gibt es im Leben.
Dass Robert Frost in Bitburg ist, als seine alte Highschool geschlossen wird, ist auch einer. Schließlich wollte er eigentlich nur seinen alten Freund Peter Kockelmann aus Stahl besuchen. Der sitzt jetzt neben ihm. "Das ist Serendipity", sagt Frost. Es ist ein Wort, das sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Es bedeutet, etwas Wertvolles zu finden, wenn man nicht danach sucht.