Ein Löffel Glück

Die Raketen zischen in die Lüfte, die Sektkorken knallen und die Menschen begrüßen auf den Straßen das neue Jahr. Wie erleben Kinder diesen Abend, und was hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert? Der Trierische Volksfreund hat nachgefragt.

Trier. "Raketen gab es damals keine!" Maria Jakobs (86) erinnert sich noch genau an den Jahreswechsel in ihrer Kindheit in Gusenburg (Kreis Trier-Saarburg). Silvester wurde damals nicht groß gefeiert. Die Männer kloppten Skat, die Frauen strickten, und die Kinder wurden früh zu Bett geschickt. Kein Wecken um Mitternacht, kein Feuerwerk. Das neue Jahr kam still und leise. Erst am Neujahrsmorgen wurde es gebührend begrüßt. Nach dem Hochamt ging es zum Wünschen. Von Haus zu Haus zog Maria Jakobs mit ihren Geschwistern und überbrachte ihren Verwandten Neujahrswünsche: "Guten Morgen im neuen Jahr. Ich wünsch' euch viel Glück im neuen Jahr. Ein langes Leben und glückselig zu sterben und den Himmel zu erben." Diesen Spruch kann sie noch heute. Doch für die Kinder stand damals etwas ganz anderes im Vordergrund: Neujahrspfennige. Die Verwandten gaben den Kindern meist fünf bis zehn Pfennige für den Neujahrsgruß. Von Patin und Pate gab es etwas mehr. Heute pflegen die wenigsten Hochwälder Kinder diesen Brauch noch. Sie begrüßen das neue Jahr wie die Großen. Selina Schmitt (11) und Marah Engel (9) aus Beuren (Kreis Trier-Saarburg) rutschen gemeinsam ins neue Jahr. Mit insgesamt fünf Familien ist an Silvester bei ihnen jede Menge los. Büffet, Spiele, Feuerwerk - und um null Uhr geht es raus. "Wir dürfen dann Wunderkerzen halten und kriegen Kindersekt", sagt Marah. An Neujahr ist dann nicht mehr allzu viel los, schließlich muss man ausschlafen. Taler und Hefekranz

Das hätte es bei Katharina Willems nicht gegeben. Die 96-jährige sieht einen "Riesenunterschied" zwischen damals und heute. In ihrem Heimatort Brandscheid (Eifelkreis Bitburg-Prüm) wurde nach dem Ersten Weltkrieg das neue Jahr zwar ärmlich, aber herzlich begrüßt. Der Jahreswechsel war "etwas großes, manchmal größer als Weihnachten", entsinnt sie sich, "und der Neujahrsmorgen war das Schönste!" Schließlich kamen Patin und Pate zum Kaffee und brachten einen Taler und einen Hefekranz für die Kinder mit. Hannah Scheid (95) aus Trier sind die Eifler Bräuche unbekannt. In der Stadt feierte man Anfang der 20er Jahre in den eigenen vier Wänden. "Es war die Zeit der französischen Besetzung", erinnert sie sich, "an jeder Ecke stand ein Posten mit Gewehr." Doch im Kreise der Lieben machte man sich einen schönen Abend. Bei einem "festlichen Mahl" unterhielt man sich. Aber Hannah Scheid durfte nicht bis nach Mitternacht aufbleiben.Maurice Pelzer (12) aus Trier verschläft den Wechsel nie. Traditionell feiert er mit seinem Großvater und genießt vor allem das Zusammensein. Natürlich darf auch bei ihnen das Feuerwerk nicht fehlen. Vor Mitternacht geht es zum Schießen in die Moselauen. Aber Maurices Höhepunkt ist das Bleigießen nach Mitternacht: "Ich bin immer gespannt, was dabei rauskommt."Diesen Brauch kennen Kolya (9) und Yannick (11) Losen aus Kordel (Kreis Trier-Saarburg) nicht. Doch allzu viel liegt den Brüdern auch nicht an dem Feiertag. Mit ihrer Mutter und Verwandten sind sie in jedem Jahr zu Hause. Bei Radiomusik wird gescrabbelt oder Sonstiges gespielt. Zwar mögen sie den Abend mit der Familie, doch "viel Besonderes ist da nicht", meint Yannick. Nur die Kracher können dem Zwölfjährigen ein kleines Leuchten in den Augen abringen. Aber Feuerwerk gibt es im Hause Losen nur alle zwei Jahre. Kolya erklärt vernünftig: "Wegen des CO{-2} - und weil es zu teuer ist."