Ein Moment der Schockstarre

Die Ansage war klar: "Wir werden nicht auf Begeisterung stoßen", hatte Schulplaner Wolf Krämer-Mandeau angekündigt. Und tatsächlich dürfte sein Entwicklungs-Konzept für massive Verwerfungen in der Trierer Schullandschaft sorgen. Dezernentin Angelika Birk kündigte derweil einen strammen Zeitplan für die Beratung an.

Trier. Die Mienen waren düster, als die Mitglieder des Ältestenrates und des Stadtvorstands gestern die Sitzung im Rathaus verließen. OB Klaus Jensen und Bürgermeisterin Angelika Birk hatten das Gremium ebenso wie Vertreter der ADD vorsorglich eingeladen, um ihnen noch vor der Öffentlichkeit die Ergebnisse des groß angelegten Gutachtens der bundesweit tätigen Schulentwickler von Biregio vorzulegen.
Was deren Chef Wolf Krämer-Mandeau skizzierte, hat es in der Tat in sich. Aus 23 Grundschulen werden 16, aus drei Realschulen plus nur noch eine - dafür soll eine zweite Gesamtschule kommen. Schließungen, räumliche Veränderungen oder Zusammenlegungen betreffen jede dritte Trierer Schule. Dabei gehe es "in erster Linie um sinnvolle pädagogische Einheiten, nicht ums Geld", betonte der Experte. Einsparungen seien allenfalls ein "Kollateral-Gewinn". Es sei "unsinnig, Klein-Grundschulen zu konservieren". Mehrzügigkeit erlaube eine sinnvollere Arbeit und bessere Angebote für die Schüler - eine Auffassung, die auch die Schuldezernentin teilt.
Birk drückt auf die Tube


Ansonsten blieb Birk vorsichtig: Es handele sich um "Vorschläge, mit deren Verarbeitung wir heute beginnen". Allerdings sei klar, "dass wir nicht noch ein weiteres Mal einen Schulentwicklungsplan aussitzen werden". Der Veränderungsdruck bei der Stadt sei "enorm". Zudem rede man mit dem Konzept "keinen Riesenschulen das Wort, sondern pädagogisch sinnvollen Größen". Die Bestandsgarantie, die sie vor zwei Jahren für die Trierer Schulen gegeben habe, laufe 2015 aus. Bis November sollen alle Klarheit über ihre Zukunft haben - was einen extrem zügigen Beratungsverlauf voraussetzt.
Was für eine kommunalpolitische Generaldebatte in den nächsten Monaten zu erwarten ist, deutete sich bei der anschließenden Info-Veranstaltung in der Arena an, zu der Schulleiter, Lehrer und Elternvertreter eingeladen waren. Nach einem Moment der Schockstarre angesichts der weitreichenden Vorschläge meldeten sich zahlreiche Ortsvorsteher und Schulleiter, um jeweils für "ihre" Schule zu plädieren - übrigens durchweg sachlich im Ton und oft mit durchaus respektablen Argumenten.
Krämer-Mandeau konterte immer wieder mit dem Hinweis auf die Sachzwänge, die sich aus der Entwicklung der Schülerzahlen ergeben. "Natürlich können Sie beschließen, die Realschule plus in Trier-West zu erhalten, aber dann müssen Sie die in Trier-Süd zumachen. Für zwei reichen die Schüler nicht". Er plädierte dafür, eine Standortverlagerung nicht automatisch als Niederlage zu begreifen, sondern die Stärken der zu schließenden Schule in eine Fusion einzubringen.
Es gab sogar versöhnliche Töne: Thomas Mohr, Sprecher der Gymnasial-Elternbeiräte, sah im neuen Konzept "viele interessante und mutige Vorschläge", mahnte aber auch eine Einbeziehung der Elternvertreter in den weiteren Diskussionsprozess an.Meinung

Nicht mehr das Ob, das Wie ist gefragt
Kein lauer Kompromiss, kein taktisches Spielchen: Was jetzt auf dem Tisch liegt in Sachen Schulentwicklung, ist ein diskutables Gesamtkonzept, dem selbst Skeptiker nicht absprechen können, dass es Hand und Fuß hat. Es ist nicht nett, und es tut stellenweise ziemlich weh. Aber es stellt vor allem eines klar: Schule ist für Kinder da. Und die brauchen weder die Zwergschule um die Ecke noch die zentrale Riesen-Anstalt. Grundschulen mittlerer Größe sind ein vernünftiger Mittelweg, der optimale pädagogische Möglichkeiten bei erträglichen Kosten bietet. Also genau das, was Trier so dringend braucht. Ob die Biregio-Vorschläge in jedem Punkt das Gelbe vom Ei sind, muss geprüft werden. Wo es bessere Lösungen gibt, sind sie vorzuziehen. Aber es muss eben ab sofort über Lösungen diskutiert werden, und nicht wie bisher nur über die Forderung, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Denn eines ist doch klar: Es wird bei keinem einzigen Standort eine Konsens-Lösung für eine Schließung, Fusion oder Verlagerung geben. Die Ortsvorsteher, Schulleiter, Elternsprecher werden antreten und erklären, warum gerade bei ihrer Schule nun aber überhaupt keine dieser Maßnahmen infrage kommt. In diese Falle darf die Politik nicht noch einmal tappen. Realitäten ändern sich nicht, nur weil man sie ignoriert. Es muss viel geredet, diskutiert, beraten werden. Aber ab heute bitte nicht mehr über das Ob einer Neuordnung der Trierer Schullandschaft, sondern nur noch über das Wie. d.lintz@volksfreund.de