Ein Praxis-Test und viel Zukunftsmusik

Ein Praxis-Test und viel Zukunftsmusik

TRIER. Talk-Runde in passendem Ambiente: Für das TV-Expertenforum über Verkehr und Stadtentwicklung hat der Stadtwerke-Verkehrsbetrieb einen Stadtbus zur Verfügung gestellt. Zur Einstimmung dürfen beide OB-Kandidaten das 300-PS-Gefährt jeweils eine Runde über den Betriebshof (Gottbillstraße) steuern. Nach dem Praxis-Test stehen Ulrich Holkenbrink (CDU) und der von SPD und Grünen unterstützte unabhängige Bewerber Klaus Jensen vier Fachleuten Rede und Antwort.

Verkehr und Stadtentwicklung - zwei ausgesprochen schwierige Themen, da sich der Gestaltungsspielraum von Verwaltungschefs in Zeiten der Dauerebbe in kommunalen Kassen in engen Grenzen hält. Und weil der Blick weit über Stadtgrenzen hinaus gehen muss. Bereits das erste Stichwort, das Forums-Moderator Dieter Lintz, Leitender Redakteur des Trierischen Volksfreunds, in die Runde wirft, zeigt, dass es in Verkehrsfragen keine stadttrierische Insel-Lösung geben kann: Regionalbahn! Nach dem Empfinden von Ulrich Holkenbrink "mit großem Bahnhof eingeleitet", aber über den geplanten neuen Haltepunkt am Mäusheckerweg mit schwer vorhersehbarer Zukunft, für Klaus Jensen ein "ganz, ganz wichtiges Projekt", dessen bedauerliches Brachliegen kein Dauerzustand werden dürfe, denn in Trier gebe es viel zu viel Autoverkehr. Und schon ist die Diskussion in vollem Gange. Peter Adrian meint, ein Regionalbahn-Ausbau (mehr Haltepunkte, mehr Züge) habe wegen des hohen Investments "unter Bedarfsgesichtspunkten keine Chance". Jensen sieht durchaus einen begründeten Bedarf, der sich auch rechne und plädiert: "Gerade wegen knapper Finanzen braucht es Perspektiven und einen Zeitplan". Holkenbrink spricht von einem "großen Glück", in Trier über eine "Parkhaus-Landschaft" zu verfügen, die das Zentrum fußläufig erreichbar mache. Da schwillt François Valentiny erstmals der Kamm. Der Diskurs sei ihm zu technokratisch und engstirnig. Er vermisse eine "Gesamtvision" und fordert dazu auf, eng mit Luxemburg zusammenzuarbeiten. Das würden sie durchaus gerne, beteuern die OB-Kandidaten und schicken jeweils ein großes Aber hinterher. Jensen verweist auf die rund halbe Milliarde Euro, die eine attraktive Schienenverbindung zwischen Luxemburg und Trier kosten würde. Holkenbrink sieht auf deutscher Seite vor allem den Bund in der Pflicht: Der müsse erst einmal seine Hausaufgaben in Richtung Großherzogtum machen, um die "fatale Einspurigkeit" des Schienenstrangs Trier-Wasserbillig zu beheben. Außerdem kritisierte der Christdemokrat die Zurückführung des als "Moselaufstieg" bezeichneten Autobahnanschlusses auf den Planungsstand null: "Das ist ein ganz großes Manko." Obwohl, oder vielleicht auch weil Wirtschafts- und Finanzfachmann Peter Adrian in Verkehrsfragen "strukturiere Kosten-Nutzen-Analysen" vermisst, lässt Valentiny nicht locker: Vieles Notwendige sei nicht rentabel, und es gebe Experten für alles Mögliche, aber niemanden mehr, der einen Überblick und eine Vision und einen Willen habe. Trier und Luxemburg enger zu verbinden ("notfalls per Privatbahn"), bringe beiden Städten Prosperität und eine Rendite, die in Zahlen nicht zu fassen sei. Keine Vision? Dem widersprechen die Rathauschef-Aspiranten energisch. Holkenbrink verfolgt das Leitbild "Trier 2020" : eine Stadt, in der 100 000 Menschen gut und gerne leben. Jensen will gezielt den ÖPNV unterstützen und die bessere Schienenverbindung Trier-Luxemburg mit Priorität verfolgen: "Ich werde alles tun, dass sie auch kommt." Maik Scharnweber steigt für die Interessen der Radfahrer in den Ring und beklagt das rudimentäre Radwegenetz Triers und zu geringere Etatansätze, um dem Missstand entgegenzuwirken. Widerspruch erntet er nicht. Im Gegenteil. Holkenbrink: "Es wird zwar einiges getan, aber es besteht großer Nachholbedarf." Jensen berichtet, Radverkehr sei eines der Themen, mit denen er auf seiner Wahlkampftour am häufigsten konfrontiert werde. Seine Auffassung: "Wenn ich mit einigen 100 000 Euro die Situation verbessern kann, dann muss ich im Haushalt umschichten." Beim Thema bauliche Stadtentwicklung sind sich die OB-Kandidaten anfangs weitgehend einig. Der Forderung Jensens, das Leitbild "Stadt am Fluss, Wohnen am Fluss" mit Leben zu erfüllen und der Mosel nicht weiter die kalte Schulter zu zeigen, schließt sich Holkenbrink an. Ebenso besteht Konsens darüber, dass künftige bauliche Entwicklungen mit breitere Diskussionen einhergehen sollten. Denn Trier müsse sich nach innen und außen "so weiterentwickeln, dass wir mit unseren Weltkulturerbe-Stätten wuchern und den Tourismus nach vorn treiben können". Trier als Spiegel abendländischer Kultur- und Baugeschichte - da ist Herbert Michael Kopp in seinem Element. Er konfrontierte die Kandidaten mit Gerüchten, wonach die Stelle des demnächst in Ruhestand gehenden Vize-Amtschefs Rainer Thelen nicht neu besetzt und damit das städtische Denkmalpflegeamt (bisher mit drei Leuten besetzt) entscheidend geschwächt oder möglicherweise ganz aufgelöst werde. Nein, es sei nicht daran gedacht, die Stelle zu streichen, erklärte Holkenbrink, auch Jensen betonte, es verstehe "sich von selbst, dass das Denkmalamt da sei muss". Ebenso entkräften beide eine weitere Befürchtung Kopps: Dem Architektur- und Städtebaubeirat, der Investoren und Stadtvätern schon mehrfach kräftig die Leviten gelesen hat, soll es nicht an den Kragen gehen. Holkenbrink: "Ich unterstütze sein Weiterbestehen." Jensen: "Dieses Gremium ist eine Selbstverständlichkeit." Maik Scharnwebers Frage, ob sich der künftige OB für mehr Grün in der Stadt einsetzen wolle, konterte Holkenbrink mit der Feststellung: "Wenn Sie sich Luftaufnahmen ansehen, werden Sie sich wundern, wie grün Trier ist." Aber einmalige Architektur wie am Domfreihof habe ein Vorrecht darauf, erlebbar sein zu dürfen. Das sieht auch Jensen so: "Ich fand es anfangs jammerschade, dass die alten Platanen verschwanden. Aber ich muss mich korrigieren: Der Platz sieht jetzt toll aus." Im Gegensatz zum verbesserungswürdigen Viehmarkt. Ohne konkrete Erwiderung bleibt Peter Adrians Forderung, dem "Unding" eines rund zehn Millionen Euro teuren Handwerkerparks in Feyen entgegenzusteuern und stattdessen Leerstellen in andern Bereichen der Stadt aufzufüllen. Dafür gelingt es aber wieder François Valentiny, die OB-Kandidaten aus der Reserve zu locken. Valentinys These: Die Politik sei am tiefsten Punkt ihrer Geschichte angelangt. Es mangele den Protagonisten an Visionen, Mut, Weitblick und Verantwortungsgefühl für künftige Generationen. Auch was Architekten heute "fabrizieren, interessiert in 30, 40 Jahren niemand mehr". "Stimmt nicht!" erwidert Holkenbrink. "Wir sind zum Beispiel in Trier dabei, das Haus Europa mitzugestalten." Jensen gibt den schwarzen Peter zurück an den Luxemburger Architekten: "Ihr Bild von Politik teile ich nicht. Sie sind doch der Kreative. Bringen Sie mir die Idee, die in vier, fünf Generationen noch funktioniert, und ich setzte mich dafür ein, dass sie umgesetzt wird."

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