Ein Raum mit Tradition

Seit 100 Jahren ist das Ehranger Restaurant Zur Kanzel in Familienbesitz. "Schneider Matthi" nennen die Ehranger den Inhaber, der genau so wie sein Opa heißt: der Geschäftsgründer Matthias Schneider. Er setzte schon im Jahr 1912 auf Bitburger Pils, das seitdem in der Kanzel ununterbrochen ausgeschenkt wird. In diesen Tagen wird das Jubiläum gefeiert.

Trier-Ehrang. Als Matthias Schneider 1961 geboren wurde, habe er "in weiser Voraussicht" den gleichen Namen wie der Großvater erhalten, sagt Schneider Matthi schmunzelnd. "Mir ist die Nachfolge also sozusagen in die Wiege gelegt worden." Großvater Schneider Matthi hatte vor 100 Jahren das Haus in der Ehranger Kyllstraße für 80 000 Goldmark gekauft. Von Beginn an schenkte er das "herbe Männerbier" (Zitat Schneider Matthi) aus - nicht unbedingt zum Gefallen der Gäste. "Dat is uns zu bitter!", lauteten ihre Meinungen. "Irgendwann kommen die Leute schon noch auf den Geschmack", hoffte der Gastronom damals - und behielt recht.
Bis heute hat sich die Kanzel als Ehranger Institution im Eigentum der Familie Schneider in Ehrang gehalten. "Es ging uns eher um den Erhalt", sagt Schneider Matthi junior und bedauert, dass typische deutsche Speiselokale wie die Ein-Raum-Gastronomie Kanzel immer seltener zu finden seien.
Seinen Namen erhielt das heutige Restaurant in Anlehnung an den gleichnamigen Aussichtspunkt über Ehrang. Opa Schneider Matthi baute mit Ehefrau Katharina Zender den Betrieb zu einem Hotel aus. Eine Attraktion war der große Saal, der "einige Hundert Leute fasste und größer als bei der Löwenbrauerei war", sagt Schneider junior. Große Feste fanden dort statt, bis der Saal 1985 bei einem Brand zerstört wurde.
Aufbauarbeit war nach dem Zweiten Weltkrieg nötig, als das Haus zerstört wurde: durch Flakeinschläge von Deutschen, die von Ruwer aus die nahenden Amerikaner aus der Eifel aufhalten sollten, berichtet Schneider. Nach dem frühen Tod seines Vaters Ferdinand übernahm Matthias Schneider die Bierkneipe, aus der er später ein Restaurant machte. "Ich bin ja mit dem Haus aufgewachsen, habe aber immer davon geträumt, daraus ein kleines Speiselokal zu machen."
Eine Theke wie in alten Zeiten gibt es nicht mehr, dafür Platz für 45 Gäste und eine große Außenterrasse. Die Trinkkultur habe sich verändert, sagt Schneider und erzählt von Arbeitern aus der Fidei, die früher auf dem Weg zur Arbeit ein Glas Schnaps auf dem Fensterbrett vorfanden.
Die Chancen, dass der Familienbetrieb fortgeführt wird, stehen nicht schlecht. "Sohn Lukas, 18 Jahre alt, hilft schon jetzt gut mit und kann sich vorstellen, das weiterzumachen."