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"Ein Restrisiko bleibt immer"

Um die Standfestigkeit ihrer Bäume zu untersuchen, wenden nahezu alle Kommunen in Deutschland die Richtlinien der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) an. Dr. Hans-Joachim Schulz leitet den Ausschuss, der diese Richtlinien aufstellt. TV-Redakteurin hat mit dem vereidigten Baumgutachter über den Trie rer Unglücksfall gesprochen. Christiane Wolff

Die Standfestigkeit der umgestürzten Kastanie war erst am 1. Oktober vom städtischen Grünflächenamt kontrolliert worden - ohne dass der offenbar sofortige Handlungsbedarf erkannt wurde. Wie kann das sein?
Hans-Joachim Schulz: Ein Baum ist kein technisches Gerät, das man hieb- und stichfest anhand fixer Parameter kontrollieren kann - wie etwa die Bremskraft eines Autos. Es ist ein Lebewesen. Daher bleibt auch bei fachmännisch durchgeführten Begutachtungen immer ein Restrisiko. Das ist wie bei einer Kontrolluntersuchung beim Hausarzt: Der Doktor prüft meinen Blutdruck, macht ein EKG, hört die Lunge ab - alles ohne Befund. Und dann fahre ich nach Hause und falle mit einem Herzinfarkt tot um.
Gewisse Risiken kann man eben nicht ausschließen - was das Leid für die Betroffenen natürlich nicht verringert. Bei der Verkehrssicherheit von Bäumen ist dieses Risiko allerdings äußerst gering: In Deutschland sterben pro Jahr 120 bis 150 Menschen durch umfallende Bäume, 1200 lassen jährlich ihr Leben, weil sie Treppen oder Leitern runterfallen.
Fest steht: Ein Baum kann durchaus innerlich so morsch oder krank sein, dass er plötzlich umfällt, ohne dass es dafür vorher äußerliche Anzeichen gibt.

Das bedeutet ja, dass ich bei keinem Baum sicher sein kann, dass er nicht jeden Moment umfällt.
Schulz: Nein, das stimmt nicht. Es ist ein absoluter Einzelfall, dass es für eine so starke Schädigung eines Baumes keine sichtbaren Hinweise gibt. Ich bin seit mehr als 30 Jahren Gutachter. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Kippen ausnahmsweise Bäume plötzlich aus vermeintlich unersichtlichem Grund um, war das in 70 Prozent der Fälle vorher tatsächlich an den äußeren Umständen nicht absehbar. Nur in den übrigen 30 Prozent hätten die Baumkontrolleure entsprechende Hinweise entdecken können.

Bei der Regelkontrolle der umgestürzten Kastanie gab\'s ja offenbar Hinweise auf eine Schädigung. Hätte schneller reagiert werden müssen?
Schulz: Wie schnell hätte reagiert werden müssen, hängt von der Begründung ab, mit der der Baumkontrolleur eine eingehendere Untersuchung verlangt. Häufig werden Spezialisten oder externe Gutachter mit den eingehenden Untersuchungen beauftragt. Da ist ein Zeitfenster von mehreren Wochen nicht ungewöhnlich. Ein Baumkontrolleur, der eine akute Gefahr erkennt, wird üblicherweise umgehend für Klärung oder Abhilfe sorgen.

Die Stadt Trier hat mehr als 30 000 Bäume, die jedes Jahr untersucht werden müssen, aber nur zwei Kontrolleure. Ist da eine sorgfältige Einzelkontrolle überhaupt möglich?
Schulz: 15 000 Bäume pro Kontrolleur ist zwar eine ganze Menge, aber durchaus zu bewältigen, sofern die Kontrolleure nicht noch für andere Arbeiten zuständig sind. Für die jährliche Regelkontrolle reichen im Durchschnitt wenige Minuten aus. Alle Bäume sind ja bei einer Grunderfassung mit allen Daten in ein Kataster aufgenommen worden. Die jährliche Kontrolle auf Veränderungen geht dann fix. Um die Krone zu beurteilen, müssen zum Beispiel 15 Kriterien überprüft werden - unter anderem Rindenschäden, Totholzbildung, Vergabelung oder Astrisse. Ein erfahrener Kontrolleur rastert diese Kriterien visuell in wenigen Minuten ab. Die Kontrolleure haben zudem meist einen festen Kontrollbezirk und kennen ihre Bäume. In Köln zum Beispiel sind die Bedingungen ähnlich, da ist jeder Kontrolleur zwar nur für 10 000 bis 12 000 Bäume zuständig, allerdings ist auch nur 60 Prozent der Arbeitszeit für diese Aufgabe vorgesehen.

Sie kennen die umgestürzte Trie rer Kastanie zwar nur von Fotos. Können Sie trotzdem etwas zum Schadensbild sagen?
Schulz: Auf den Fotos ist zu sehen, dass der Stamm hohl war - was erst mal keine Bedeutung hat. Gerade Kastanien neigen zu hohlen Stämmen, ohne dass ihre Standfestigkeit zwangsläufig beeinträchtigt ist. Auf den Bildern ist am dunklen Rand über der Bruchstelle allerdings auch zu erkennen, dass der Baum knapp unter der Erdoberfläche abgebrochen ist. Ich möchte dem bestellten Gutachter nicht vorgreifen, aber es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass der Baum unterirdisch komplett morsch war. Es kann durchaus sein, dass bei der Regelkontrolle diese Morschung dem oberirdischen Äußeren des Baumes nicht anzusehen war. Die neue bakterielle Krankheit Kastanienbluten - wissenschaftlich Pseudomonas - dürfte dagegen keine Rolle gespielt haben, denn an der vorher absterbenden Baumrinde ist ein solcher Befall relativ leicht zu erkennen.Extra

Dr. Hans-Joachim Schulz, 66, aus Düsseldorf/Waldbröl, ist seit mehr als 30 Jahren vereidigter Sachverständiger für die Verkehrssicherheit von Bäumen. Der promovierte Gartenbauwissenschaftler hat in seiner Laufbahn mehr als 5000 Baumgutachten erstellt ( Schulz@dasgruen.de ). woc