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Ein Stück Geschichte aufgearbeitet

Ein Stück Geschichte aufgearbeitet

Die Dauerausstellung "Jüdisches Leben in und um Schweich" in der Schweicher Synagoge ist um ein Kapitel - sprich eine Tafel zur Geschichte der Juden in der Moselgemeinde Klüsserath - reicher. In einem Festakt zum Holocaustgedenktag hat Historiker Hermann Erschens Einblick in seine Recherchen gegeben.

Schweich. Für den Klüsserather Ortsbürgermeister Günter Herres und Bürgermeisterin Christiane Horsch ist die Aufarbeitung jüdischer Geschichte in der Region Auftrag und Mahnung zugleich. "Ein Bildungsauftrag mit hochaktuellen Bezügen zur Gegenwart, damit junge Menschen Vergangenes verstehen und für die Zukunft lernen können."
Vor fünf Jahren, so sagt Pastoralreferent Matthias Schmitz, habe das Dekanat Schweich-Welschbillig in Zusammenarbeit mit dem Emil-Frank-Institut Wittlich begonnen, die regionalen und lokalen Aspekte jüdischer Geschichte für eine Dauerausstellung aufzuarbeiten, die sukzessive erweitert wird. Die Kooperation mit den Schulen und die pädagogische Umsetzung in der Jugendarbeit sei gelungen.
Einen ersten Hinweis auf Juden in Klüsserath fand der das Projekt betreuende Leiwener Historiker Hermann Erschens in einer Steuerliste des Amts Pfalzel aus dem Jahre 1663, in der "der Jude Salomon mit Frau und Knecht eine Kuh besitzt, ein Pferd, eine Geiß und seine Abgaben dem Herrn Kellner in Pfalzel zahlt".
Genaues über die Zahl der Juden in der Moselgemeinde wisse man aus dem Jahr 1808, als die 14 dort ansässigen Juden in einem Dekret aufgefordert wurden feste Vor- und Familiennamen anzugeben. 25 Jahre später lebten 19 Juden und deren Familien in Klüsserath, von 1843 bis 1933 bleibt die Zahl mit 25 konstant, 1938 wird die Letzte aus der kleinen jüdischen Gemeinde nach Trier gebracht und von dort vier Jahre später nach Auschwitz deportiert.
Erschens fand bei seinen Recherchen Namen wie Baum, Gombrich, Herschel, Jacobs, Kahn, Leib und Mayer, alle überwiegend im Handel tätig, als Viehhändler und Metzger, als Kolonialwarenhändler, als Bäckermeister, Wirts- und Geschäftsleute. Da es in Klüsserath nur ein Bethaus gab, gingen die Juden an Feiertagen zur Synagoge in Leiwen, wo sie auch auf dem dortigen Friedhof ihre Toten begruben.
Wie in allen Dörfern hätten die Juden nicht isoliert in Klüsserath gelebt, es habe ein selbstverständliches Miteinander gegeben. Befreundete Familien hätten zusammen Namenstage, Geburtstage und Hochzeiten gefeiert, man sei mitgegangen bei Beerdigungen. "Von vielen Zeitzeugen wissen wir, dass Juden auch am kirchlichen Leben der christlichen Gemeinde insofern teilnahmen, als zum Beispiel die jüdischen Geschäftsleute beim Besuch des Bischofs oder an Weihnachten ihre Schaufenster entsprechend schmückten".
Doch ganz so problemlos sei das Zusammenleben auch nicht gewesen, berichtigt Erschens die Chronik in seinem Vortrag. Vor allem Handel und Geldverleih hätten Anlass zu Konflikten mit daraus resultierenden antisemitischen Ressentiments geboten. Auch die gefühlte Andersartigkeit der Juden habe zu Vorurteilen und Auseinandersetzungen geführt. Der bekannteste Vorwurf: Die Juden seien schuld am Tod Jesu. Besonders in der Karwoche sei es durch die Predigt des Pfarrers zu Beleidigungen und Drohungen gekommen.
In der NS-Zeit sei der latent vorhandene Antisemitismus auch in Klüsserath offen zutage getreten. Zu den Juden, die die Moselgemeinde rechtzeitig verlassen konnten, hätten die meisten Angehörigen der Familie Kahn gehört, alle anderen hätten den Tod im KZ gefunden.
Mit Gitarrenmusik von Birgit Traut und Martin Waxweiler und einem kleinen Stehempfang klang der Festakt in der Synagoge aus.Extra

Im Dekanatsbüro in Schweich können Schulklassen und Gruppen eine Führung buchen. Teil der Dauerausstellung ist auch das Zeitzeugenprojekt. Dort berichten in Ton und Bild Schweicher Bürger über das Zusammenleben mit ihren jüdischen Nachbarn in der Zeit des Nationalsozialismus. Kontakt: Dekanat Schweich-Welschbillig, Telefon 06502/93745-0, Mail: dekanat.schweich-welschbillig@bistum-trier.de