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Eine Frau muss sich wegen Beihilfe zu schwerem Raub vor dem Landgericht Trier verantworten.

Kostenpflichtiger Inhalt: Justiz : Urlaub in Trier? Oder doch Hilfe beim Raub?

Eine junge Frau muss sich vor dem Landgericht Trier verantworten: Sie soll an einem Überfall auf einen Juwelier in der Innenstadt beteiligt gewesen sein. Sie bestreitet das.

Eigentlich wollte die Angeklagte nur Urlaub machen. Ihr Freund hatte ihr gesagt, Trier sei ein schöner Kurort, wo man sich gut erholen könne. Sie hat sich mit dem 42-Jährigen gemeinsam „Sachen“ angeschaut, sie haben zusammen gegessen und sind mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Die Räder hatte sie am 23. Juni 2017 morgens bei der Fahrradstation des Bürgerservice am Hauptbahnhof ausgeliehen. Mittags stellten sie sie vor dem Hotel ab, duschten und legten sich zu einem Mittagsschlaf hin. So erzählt es die 27-Jährige aus Litauen, die sich am Donnerstag wegen Beihilfe zu schwerem Raub vor dem Trierer Landgericht verantworten muss.

Der Vorwurf Dass zwei Bekannte ihres Freundes zwischendurch einen Juwelier in der Trierer Fußgängerzone ausraubten, die Angestellten mit einer unechten Pistole bedrohten, Reizgas versprühten, Armbanduhren im Wert von 110 000 Euro erbeuteten und anschließend mit ebendiesen Rädern flüchteten – davon will die 27-Jährige nichts mitbekommen haben. Auch nicht davon, dass ihr Freund den Überfall organisiert haben soll. „Für mich war es Urlaub“, übersetzt die Dolmetscherin die Angeklagte, die mit den Schultern zuckt. Am Nachmittag seien sie wieder mit den Rädern herumgefahren, am Abend habe sie sie zum Bürgerservice zurückgebracht. Am nächsten Morgen seien sie nach Köln gefahren, um dort den Urlaub fortzusetzen. Soweit die Version der Angeklagten, der die Staatsanwaltschaft vorwirft, den Tätern durch das Mieten der Fahrräder und die Buchung eines Hotelzimmers mit einer fremden Kreditkarte vorsätzlich Hilfe geleistet zu haben.

Die Aussage „Das ist kein Geständnis, das ist das genaue Gegenteil“, stellt der Vorsitzende Richter Armin Hardt fest, der die 27-Jährige vor ihrer Aussage darauf hingewiesen hatte, dass ein Geständnis erheblich strafmildernd zu berücksichtigen wäre, insbesondere, wenn sie gestehe, bevor die Zeugen vernommen würden. „Ich gestehe ja, dass ich die Fahrräder gemietet habe“, sagt die Angeklagte. „Aber das alleine ist ja nicht strafbar“, erwidert Hardt. Zuvor hatte die 27-Jährige bereits abgestritten, das Hotelzimmer mit einer fremden schwedischen Kreditkarte bezahlt zu haben. Um die Zimmer habe sich ihr Freund gekümmert, während sie draußen eine geraucht habe. Sie habe nicht mal geahnt, dass eine Straftat begangen werden sollte. Ihr Freund habe sie die ganze Zeit belogen. Sie sei naiv gewesen und habe ihm geglaubt. „So sieht’s aus. Ich war ein Spielzeug für ihn“, sagt die junge Frau, die erst, als sie wegen eines weiteren Überfalls in Österreich vor Gericht stand, erfahren haben will, dass ihr Freund verheiratet war und mit seiner Frau zusammenlebte.

Die Lebensgeschichte Sie habe ihn über eine gemeinsame Freundin kennengelernt, erzählt die 27-Jährige aus Kaunas, der zweitgrößten Stadt Litauens. „Er hat verstanden, wie schwer ich es habe.“

Zuvor hat sie dem Gericht unter Tränen erzählt, wie ihr bisheriges Leben verlaufen sei: Der Vater war meist arbeitslos und trank, ebenso wie die Mutter. Die beiden waren getrennt, lebten aber dennoch mit der Angeklagten und ihrer älteren Schwester in einer Wohnung. Es gab Gewalt in der Familie. Deshalb lebte sie seit sie zehn Jahre alt war, bei der Oma auf dem Land, wo sie die Hauptschule besuchte. Mit 17 wurde sie schwanger und ging ohne Abschluss ab. Das Kind zog sie alleine groß, zum Vater hatte sie keinen Kontakt. Zunächst lebte sie in einer Einrichtung für Mütter und Kinder, dann zog sie in eine Wohnung nach Kaunas, die Oma unterstützte sie finanziell. Mit 20 bekam sie ein zweites Kind von einem anderen Mann. Auch zu ihm hat sie keinen Kontakt.

An dieser Stelle kann sie nicht weitersprechen. Sie weint. „Dann habe ich meine Kinder verloren.“ Das Jugendamt habe sie ihr weggenommen, weil sie keine feste Lebensgrundlage gehabt habe. Das ältere Kind war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt, das jüngere sechs Monate. Sie schluchzt. „Ich habe es nicht geschafft, meine Kinder aus den Sozialleistungen zu versorgen.“ In den folgenden Jahren habe sie versucht, Geld zu verdienen und ihre Kinder zurückzubekommen. Sie verkaufte Kebab, putzte, ging mit 22 nach Großbritannien. Dort arbeitete sie in einer Blumenfabrik und als Zimmermädchen. Sie wollte Geld verdienen, um ihre Kinder zurückzubekommen. Das sagt sie immer wieder.

Mit 25 besuchte sie im Urlaub ihre Oma in Litauen. Und sei vergewaltigt worden. Danach kehrte sie nicht nach England zurück. „Ich konnte nicht mehr alleine sein“, sagt sie.

Die Beziehung In dieser Zeit lernte sie ihren Freund kennen. Aus Freundschaft sei eine Beziehung geworden. Womit er seinen Lebensunterhalt verdiente, darüber hätten sie nicht gesprochen. „Das ist nicht so wichtig“, habe er gesagt. Erst als sie nach dem „Urlaub“ in Trier zurück in Litauen gewesen seien, habe sie in einem Streit mit ihrem Freund erfahren, was dort passiert sei.

Allerdings habe sie sich im Dezember 2017 freiwillig an einem weiteren Überfall in Österreich beteiligt. „Ich brauchte Geld für einen Neuanfang“, sagt sie. Der Überfall ging schief, die Täter wurden festgenommen und die Angeklagte und ihr Freund an der tschechischen Grenze geschnappt. Sie musste 20 Monate ins Gefängnis.

Nach ihrer Entlassung wurde sie gleich wieder festgenommen. Diesmal wegen des Überfalls in Trier. Seit dem 21. August 2019 sitzt sie in Untersuchungshaft. Nach ihrer Aussage zu Unrecht.

Die Zeugen „Letzte Chance: Bleiben Sie dabei, was Sie gesagt haben?“, fragt Richter Hardt, bevor er einen der Täter in den Zeugenstand ruft, der im Mai 2019 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Der Inhaber des überfallenen Juweliers und seine Mitarbeiter konnten zuvor keine entscheidenden Hinweise geben, da sie aussagten, die Angeklagte noch nie gesehen zu haben. Die Polizei habe erst zwei Jahre nach dem Überfall die Hinweise auf das Hotel erhalten, erklären die Ermittler. Deshalb habe sich im Hotel niemand mehr erinnern können. Es stehe nur fest, dass das Zimmer mit einer schwedischen Kreditkarte über Booking gebucht worden sei, man könne nicht nachvollziehen, wer es gebucht habe.

Die Widersprüche Auch der Täter, der bei den Vernehmungen der Polizei den Hinweis auf die Angeklagte gegeben hatte, kann sich nach eigener Aussage nicht mehr erinnern. „Ich weiß es nicht“, „Vielleicht“, „Ich habe keine Erinnerung mehr“ – Das sind die Sätze, die die Dolmetscherin am häufigsten übersetzt. Es sei eine negative, emotionale Zeit für ihn gewesen, er wolle das alles vergessen, erklärt er.

Hardt, Richterin Tanja Parent und Staatsanwältin Stefanie Charlier versuchen, ihn durch Nachhaken zu konkreteren Aussagen zu bewegen. Er erzählt schließlich, er sei mit seinem Komplizen am Bahnhof in Trier angekommen und sie hätten mit der Angeklagten und ihrem Freund auf der Terrasse eines Cafés etwas gegessen. Die 27-Jährige hatte gesagt, ihr Freund hätte sich auf der Straße mit den beiden getroffen. Sie habe nur gesehen, dass sie sich unterhalten hätten. Laut dem Zeugen wurde beim Essen nicht über den Überfall gesprochen. Erst als sie ohne die Angeklagte zum Juwelier gelaufen seien, habe der Freund der 27-Jährigen ihnen den Plan erklärt. Die Nacht hätten alle vier gemeinsam in einem Zimmer verbracht. Er und sein Komplize hätten im Bett geschlafen, die anderen beiden auf dem Boden. Das gemeinsame Zimmer hatte die junge Frau nicht erwähnt. Am Morgen des Überfalls hätten sie die Fahrräder in der Nähe des Hotels abgeholt – die Schlüssel habe sein Komplize zuvor vom Freund der Angeklagten erhalten –, die Räder unweit des Juweliers abgestellt und den Überfall begangen. Die Angeklagte hatte ausgesagt, dass sie die Räder nicht abgeschlossen hätten. Richter Hardt entlässt den Zeugen unvereidigt.

Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr fortgesetzt. Bis dahin solle sich die Angeklagte überlegen, ob es dabei bleibe, was sie gesagt habe, gibt Hardt ihr und ihrer Verteidigerin Martha Schwiering mit. Außerdem soll bis dahin geklärt werden, ob der Freund der Angeklagten und der zweite mutmaßliche Täter aussagen wollen.