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Eine Gruppe des Montessori-Kinderhauses in Trier-Euren wird derzeit in einer Hütte im Wald betreut

Mutmacher : Kameraden bieten Kindern Unterschlupf

Das Montessori-Kinderhaus in Trier-Euren hat zu wenige Räume, um in der Corona-Zeit kleine Gruppen zu bilden. Deshalb ziehen die Vorschulkinder kurzerhand in eine Hütte des Kameradenvereins im Wald. Der TV hat sie dort besucht.

Singen macht Spaß – vor allem gemeinsam. 13 Vorschulkinder sitzen mit ihren Erzieherinnen auf Holzbänken im Kreis. Angelika Tholl spielt Ukulele und die Kinder klatschen im Takt. Für manche heißt es heute Abschied nehmen von der Gruppe. Ein Wiedersehen gibt es erst nach den Ferien – in der Grundschule. Doch bis dahin kommen die meisten noch knapp eine Woche in die Hütte am Wald, die der Kameradenverein Trier-Euren den Kleinen kurzerhand zur Verfügung gestellt hat.

„Ich finde es am besten, dass wir den ganzen Tag raus dürfen“, sagt Lotta, eines der Vorschulkinder des Montessori-Kinderhauses Am Fliederbusch in Trier-Euren. „Wir sind hier mehr im Wald und auf dem Gelände als in der Hütte“, erzählt die Sechsjährige. „Die Spiele hier gefallen mir besonders gut.“

Die neue Freiheit verdanken die Vorschulkinder zum einen der Corona-Pandemie, zum anderen dem Engagement der Leiterin Heidi Weis. Etwa drei Monate mussten die Kinder wegen des Lockdowns zu Hause bleiben. Als die Corona-Regelungen gelockert wurden, konnte auch das Montessori-Kinderhaus wieder öffnen. „Die Kinder durften kommen, aber in den Gruppen durften nur 15 Kinder sein“, erklärt Weis. „Wir wollten aber, dass alle Kinder vor den Ferien kommen können. Das war uns wichtig.“ Personell habe das keine Probleme bereitet. „Aber wir haben nur zwei Gruppenräume. Das ist zu wenig.“ Also habe sie überlegt, wo Räume zur Verfügung stehen könnten. „Da kam ich auf die Kameradenhütte.“

„Vor einigen Wochen hat Frau Weis bei mir angefragt, ob sie mit den Vorschulkindern in unsere Hütte ziehen könnten, um die Situation im Kindergarten zu entzerren“, berichtet der Vorsitzende Alfons Mertz. „Ich fand das eine sehr gute Idee. Ich habe mich direkt mit dem Vorstand kurzgeschlossen, und wir haben spontan zugesagt.“

Weis fragte beim Jugendamt nach, holte sich dann die Genehmigung beim Land. „Das war alles sehr unproblematisch“, berichtet sie. Deshalb können seit 2. Juni alle Kinder des Montessori-Kinderhauses jeden Tag in die Kita – unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften.

Die 13 Vorschulkinder werden sechs Stunden lang von drei Erzieherinnen betreut. Morgens treffen sie sich in der Hütte im Wald und mittags essen sie dort. „Wir haben selbst Suppe gekocht, jeder hat etwas dafür mitgebracht“, erzählt Weis. Ansonsten hätten die Kinder nur bei schlechtem Wetter die Hütte beschlagnahmt, ergänzt Mertz.

Kein Problem für den Kameradenverein, der der Kita das Gelände kostenfrei überlassen hat. Normaler­weise treffen sich die Mitglieder regelmäßig dienstags – aufgrund der Corona-Pandemie war das wochenlang nicht möglich. Deshalb war die Hütte, die auch an Private vermietet wird, in dieser Zeit frei.

„Wir sind ein sehr alter Verein, der nach dem Deutsch-französischen Krieg zur Unterstützung der Kriegswaisen und -witwen gegründet worden ist“, erklärt Mertz. „Heute unterstützen wir Projekte für Kinder und Jugendliche im Stadtteil sowie die Jugendarbeit in den Eurener Vereinen. Da gehört die Kita selbstverständlich dazu.“ Der Kameradenverein sei da, wenn im Stadtteil Hilfe benötigt werde, bestätigt der zweite Vorsitzende Dirk Wingler‎.

Die Kinder freut‘s: „Mir gefällt es gut, dass wir viel wandern“, sagt Elias (6). Und er findet es toll, am Lagerfeuer zu sitzen und Stockbrot zu backen. Hanna schwärmt von den Nachtwanderungen: „Das möchte ich noch einmal machen“, sagt die Sechsjährige.

Auch die Eltern sind dankbar für diese kreative Lösung. „Wir haben uns extrem gefreut über das Engagement von Heidi Weis und ihren Erzieherinnen“, sagt Silvana Holland. „Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Kitaleitung so etwas ermöglicht, zumal es mit Mehraufwand verbunden ist.“ Ihr Sohn sei jeden Tag froh, herzukommen. Vor allem für die Kinder sei es sehr wichtig gewesen, dass es schnell weiter gehe, sie Kontinuität und einen richtigen Abschluss hätten, bevor sie in die Schule wechselten. Holland gefallen auch die Aktivitäten der Kinder in ihrem ungewöhnlichen Gruppenraum: „Ich finde es eine tolle Idee, es ist ein bisschen wie in einem Waldkindergarten.“

Das ist kein Zufall. Gehören doch Natur und Umwelt zur Montessori-Pädagogik. „Wir fördern den achtsamen Umgang mit der Natur“, erklärt Weis. Die Erzieherinnen seien viel mit den Kindern draußen, einmal die Woche gebe es einen Wandertag. „Bei uns lernen die Kinder auch, wo die Lebensmittel herkommen.“ Bei ihren Touren durch den Wald etwa hätten die Kinder Kräuter und Heilpflanzen gesammelt. Und sie haben erfahren, wofür sie verwendet werden können: „Lindenblüten sind gut für den Bauch, Nelkenwurz wirkt gegen Zahnweh, und Ampfer und Breitwegerich helfen gegen Insektenstiche“, wissen sie.

Am Freitag geht die Kita-Zeit der Eurener Vorschulkinder zu Ende – anders als geplant, aber umso eindrücklicher. Weis glaubt, dass die Kinder einiges von dieser Zeit im Wald mitnehmen und diese lange in Erinnerung halten werden. Mertz wird eines sicher nicht vergessen: „Als die Kinder das erste Mal hierher kamen, habe ich das Leuchten in ihren Augen gesehen, dass sie endlich wieder zusammenkommen können.“ Auch deshalb ist eine Verlängerung für ihn und den Kameradenverein nicht ausgeschlossen: „Gerne wieder“, sagt Mertz, „wir sind jederzeit für eine Fortsetzung offen.“