Eine kostbare Lektion

Am Donnerstag der vergangenen Woche fiel in der Region Trier für mehr als drei Stunden der Strom aus. Schlagartig veränderte sich alles. Die Ampelanlagen brachen zusammen, die Registrierkassen in den Warenhäusern streikten, Computer stürzten ab und die Telefonleitungen blieben stumm.

Ratlosigkeit brach aus und Unverständnis darüber, wie denn so etwas passieren könne. Ungeduldig wartete man auf Abhilfe. Schließlich wurden gar Schuldige gesucht und Schadensersatzansprüche erhoben. Diese vermeintliche "Katastrophe" hatte aber auch interessante Begleiterscheinungen: der Besuch in den Eiscafés der Stadt stieg sprunghaft an. Jugendliche versammelten sich auf den Straßen und Plätzen. In den Dörfern wurden die Gassen plötzlich lebendig. Man will wissen, was los ist. Gespräche entstehen. Da entdeckt so mancher plötzlich, dass es seinen Nachbarn noch gibt und dass man so lange schon nicht mehr miteinander gesprochen hat. Die aufgezwungene Pause wird plötzlich mit Leben erfüllt. Da man nichts tun kann als warten, hat man mit einem Mal Zeit und entdeckt ganz nebenbei, dass das Leben auch noch anderes zu bieten hat als Fernsehen, Hektik und Betriebsamkeit. Es ist schon traurig, dass erst für einige Stunden der Strom ausfallen muss, damit wir zur Ruhe finden und Zeit für Begegnung und Gespräch haben. Da kommen doch Fragen auf: Mit welch hohem Preis ist unser Fortschritt erkauft? Wem dient die wachsende Beschleunigung des Lebens? Wo bleibt die Menschlichkeit im Zeitalter ansteigender Technisierung? Wer auch immer für diese "Katastrophe" verantwortlich war - ich denke, er hat uns eine kostbare Lektion erteilt. Michael Bollig, Trier