Einfach mal mit rein laufen!

"Brille aus, Kostüm an, und einfach mal mit rein laufen!", so lautet die erste Regie-Anweisung. An diesem Morgen hat sich unsere Mitarbeiterin Anja Fait entschieden, beim neuen Stück "Sohn des Bärenjägers" der Karl-May-Festspiele in Pluwig mitzuspielen. Sie beschreibt ihren Blick hinter die Kulissen.

Pluwig. "Brille aus?", denke ich verwundert. Egal, die hab ich eh' fast nur zum Autofahren an. Außerdem - im Wilden Westen gab es noch keine türkisfarbenen Eckmodelle, da hat der Regisseur sicher recht. Ausgerüstet mit dieser Anweisung begebe ich mich in den Backstage-Bereich, wo ich innerhalb von einer Minute einen Stadtcowboy - Ludwig, der auch neu dabei ist - zugeteilt bekomme. Sofort werden mir von allen Seiten lange Baumwollröcke, weiße Spitzenblusen, beigefarbene Strohhüte und viel zu große Schnürstiefel angeboten.

Schminke wird mit Spezialspray fixiert



Schnell bekomme ich zu meinem Entsetzen mit, dass ich meine Haare ab sofort nicht mehr schneiden darf. Die Gefahr, dass sie während der Vorstellungen aus meinem traumhaften "Zahnweh-Hütchen" flutschen, ist einfach zu groß. Nachdem Margret ("Wir sind hier alle per du") die hochgesteckten Naturmähnen der Darsteller mit schwarzen Indianer- und bunten Irokesenperücken versehen hat, kümmert sie sich, zusammen mit Petra und Heidi, um das perfekte Make-up. Damit die dunklen Streifen auf Dirks zuvor vorsichtig in schneeweiß überpinseltem Gesicht bei der Hitze nicht verlaufen, wird das Gesamtkunstwerk bei angehaltenem Atem mit Spezialspray fixiert.

Während Lydia unzählige Kinder-Mokassins unter fließendem Wasser von den Spuren des Vortages befreit und die vielen anderen sich gegenseitig beim Befestigen von Pfeil- und Revolvertaschen helfen, macht mir mein langer Pony unterhalb der Stirn zu schaffen. Doch dann wird mir schlagartig bewusst, welch ein Glück ich habe: Ich bin eine Stadtfrau. Die wird für ihren dreiminütigen Auftritt weder aufwendig geschminkt noch muss sie sich im Dreck wälzen. Erwin, alias Old Shatterhand, bekommt seinen Bart nur gestutzt, die Indianer hingegen müssen für die nächsten Wochen ohne Schnauzer rumlaufen - konsequenterweise natürlich auch im "echten Leben".

Rolf alias Sam Hawkens hat es am härtesten getroffen: Er muss im Gegensatz zu mir in der nächsten Zeit so gut wie komplett auf seine "Skalp-Locken" verzichten, denn die hängen ja bekanntlich direkt an seinem Hut.

Mit jeder Probe sind die Wild-West-Freunde hinter den Kulissen besser durchorganisiert. "Alle, die beim Tribünenaufbau helfen, tragen sich bitte in die Listen im Backstage-Bereich ein. Haben wir genug Leute an den Eingangskassen? Und jeder Reiter sorgt dafür, dass jemand da ist, der sein Pferd hält, wenn es nicht im Einsatz ist." Während die Ehefrau des Pyrotechnikers und Stadtjunge Pascal sich trotz strömenden Gewitterregens dieser Aufgabe stellen, liegen "Frau und Tochter des Bärenjägers" bereits "erschossen" im durchgeweichten Sand des Spielgeländes.

Ich habe mir sagen lassen, dass der letzte Spieltag immer voller Überraschungen steckt. Wenn man so viele Sonntage (seit Mai laufen die Proben) und Spiel-Wochenenden gemeinsam mit einer so tollen Mannschaft verbracht hat und sich am Ende dann bewusst wird, dass bis zum nächsten Zusammentreffen in dieser Form zwei lange Jahre vergehen, schlage die Stimmung hinter den Kulissen plötzlich um. Eine seltsame Ruhe, ja fast schon Traurigkeit stelle sich im Backstage-Bereich ein. Die Zuschauer werden davon nichts mitbekommen.

Jeder gibt noch einmal alles - und das kann bei der letzten Vorstellung statt strengster Befolgung der Regie-Anweisungen wohl auch mal zu spontanen, internen Überraschungen führen. Und genau das ist es, was das "Kribbeln hinter den Kulissen" ausmacht.

Karten für die Zusatzvorstellung am Donnerstag, 23. Juli, sind erhältlich unter Telefon 06588/99024 oder 0651/75432.