Endlich "Triers schönstes Mädchen"

An Jenny von Westphalens Elternhaus (Neustraße 83) hängt wieder eine Gedenktafel. Diesmal zeigt sie wirklich die Gattin von Karl Marx. Auf der Anfang 2008 nach mehr als 25 Jahren abgehängten Bronzeplatte war aufgrund eines international verbreiteten Irrtums nicht Jenny, sondern eine Freundin ihrer Familie abgebildet.

Trier. Groß war die Anteilnahme am 2. Dezember 1982, als erstmals eine Gedenktafel am Haus Neustraße 83 enthüllt wurden. Hunderte von Menschen lauschten der Ansprache der luxemburgischen Außenministerin Colette Flesch. Sie rief dazu auf, sich mit der großen Frau auseinanderzusetzen, die ihre Kindheit und Jugend in dem Haus verbracht hatte und dann den Rest ihres Lebens mit Karl Marx verbrachte und dabei in seinem Schatten stand.

Groß war der Aufschrei ein Jahrzehnt später, als der Moskauer Wissenschaftler Boris Rudjak nachwies, dass das damals kursierende und oftmals für Biografien verwandte Jenny-Jugendbildnis jemand ganz anderen zeigte: Gertrud Kugelmann, eine Freundin der Familie Marx. Mithin war auch die Gedenktafel in der Neustraße falsch.Der Mehringer Bildhauer Franz Schönberger (62) hat nun einen "Doppelfehler" ausmerzen können. Die Vorlage, die ihm 1982 für die Anfertigung des Jenny-Reliefporträts diente, "war zu allem Überfluss auch noch seitenverkehrt", sagte der Künstler bei der Enthüllung der Gedenktafel mit dem nun zweifelsfrei "richtigen" Bildnis.

Die rund 5000 Euro kostende Neuanfertigung unter Verwendung des alten Schriftteils "Jenny von Westphalen 1814 - 1881 Ehefrau von Karl Marx Elternhaus" hat, wie bereits 1982, die Volksbank Trier finanziert, die im Erdgeschoss des Hauses eine Filiale unterhält. Die Bank hatte auch zur Enthüllungs-Feier eingeladen, zu der rund 100 Trierer kamen. Ignaz Bender (71), Uni-Kanzler a. D. und 1981 einer der Initiatoren der Gedenktafel, zeigte sich "erleichtert und froh. Wir sind damals reingefallen auf ein falsches Bildnis. Jetzt ist alles in Ordnung". Gemeinsam mit Angelika Limmroth (Göttingen), Verfasserin der Biografie "Jenny von Westphalen - das unbekannte Kapital des Karl Marx", enthüllte Bender die Plakette. Angelika Limmroth würdigte in ihrer Ansprache Jenny Marx als "engagierte, geistig eigenständige, selbstbewusste und ebenbürtige Partnerin eines großen Mannes".

Mutig, unangepasst und - was das Geschlechterrollen-Verständnis anbetrifft - ihrer Zeit weit voraus, sei Jenny Marx auch im 21. Jahrhundert des Erinnerns wert. Außerdem regte die 64-Jährige eine "Rückhol-Initiative" an. Ein heute zum Bestand des Historischen Museums Berlin gehörendes, aber nicht öffentlich ausgestelltes Jenny-Ölgemälde, das ein unbekannter Künstler vermutlich 1836 in Trier malte, solle als Dauerleihgabe im Karl-Marx-Haus zu sehen sein: Trier hat (auf dem Petrisberg) eine Straße nach Jenny Marx benannt und nun endlich die richtige Gedenktafel - das Jenny-Bild im Karl-Marx-Haus wäre das i-Tüpfelchen. EXTRA Jenny von Westphalen wurde 1814 in Salzwedel als Tochter des liberal eingestellten Landrats Ludwig von Westphalen geboren, der 1816 an die Bezirksregierung Trier wechselt. Die von Westphalens freunden sich in Trier mit der Familie des Juristen Heinrich Marx an. Dessen Sohn Karl (1818 bis 1883) heiratet Jenny nach siebenjähriger Verlobung 1843 in Bad Kreuznach. Die einstige "Ballkönigin" und "schönstes Mädchen von Trier" stellt ihr Leben in den Dienst ihres Mannes, schreibt seine Manuskripte ab, korrigiert und redigiert sie. Sie bringt sieben Kinder zur Welt, von denen vier sterben und nur drei Töchter das Erwachsenenalter erreichen. Während ihrer gesamten Ehe leidet Jenny Marx unter den ärmlichen Lebensverhältnissen der Familie, die im Exil in Brüssel, Paris und London lebt. Erst nach der Veröffentlichung des ersten Bandes von "Das Kapital" (1867) bessert sich die finanzielle Situation der Familie. Im gleichen Jahr erkrankt Jenny Marx an Krebs. Mit 67 Jahren stirbt sie 1881 in London.

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