Erinnerung hat Zukunft

Sie leben mitten unter uns: Menschen, die unglaubliches Grauen durch- und nur mit Glück überlebt haben. 26 von ihnen hat die Trierer Künstlerin Marie-Louise Lichtenberg in ihrer Ausstellung "Gegen das Vergessen - Zwischen Glück und Grauen, Goldap und Gernika" in der Volkshochschule Trier für Besucher sichtbar gemacht.

Trier. 1327 - diese Nummer ist in seinen Unterarm geritzt. 20 Jahre alt war der politische Widerstandskämpfer Kasimir Smolen, als er 1940 ins KZ Auschwitz gebracht wurde. Seine Überlebensgeschichte hat der heute 90-Jährige wohl tausendfach Besuchern des KZ erzählt, dessen Museum er bis 1990 geleitet hat. Die Trie-rerin Marie-Louise Lichtenberg erzählt sie erneut bei der Vernissage ihrer Ausstellung "Gegen das Vergessen - Zwischen Glück und Grauen, Goldap und Gernika" vor gut 100 Gästen. Die Ausstellung ist Teil der Veranstaltungsreihe zum Nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus (siehe Übersicht).

Smolen ist einer der 26 Menschen, deren Porträts bis 11. Februar in der Volkshochschule (VHS) am Domfreihof hängen und vom 14. bis 18. Februar im A-/B-Foyer der Universität Trier. Schicksale - von Goldap in Polen über die Niederlande bis nach Gernika in Spanien. Die großformatigen Fotos hat Lichtenberg in Schwarz-Weiß gehalten, so wie sich die NS-Zeit durch Originalbilder und -filme den nachfolgenden Generationen abbildet. Die Fotos geben Opfern wie dem taubstummen Hans Lieser aus Kordel oder Jean Pütz, der Bombenangriffe auf Köln überlebt hat, den KZ-Überlebenden, Widerstandskämpfern und Flüchtlingen ein Gesicht.

Eines ist die Triererin Anna Maria Körholz, Jahrgang 1924, auf die Lichtenberg über einen TV-Leserbrief aufmerksam wurde. Ihr Vater sei bereits vor 1933 Nazigegner gewesen, erzählt sie. Der Arzt sei "aus dem Krankenhaus geflogen", weil er nicht zwangssterilisieren wollte. "Wir waren isoliert - während und auch nach dem Krieg."

Menschen wie Körholz erzählen aber auch vom Glück, dem Glück, überlebt zu haben. Auf die Frage von Moderator Dieter Lintz, ob sie sich als Opfer fühle, sagt Körholz: "Nein, das waren die Jüdinnen aus meiner Schule; die waren plötzlich weg." Groll und Hass, bestätigt Lichtenberg, habe sie zu keiner Zeit erfahren.

Auslöser für die Ausstellung und ihr gleichnamiges Buch war ein Besuch Lichtenbergs 2006 in Auschwitz. "Es war so erschreckend, das darf nicht in Vergessenheit geraten." Deshalb hat sich die 59-jährige Lehrerin und Künstlerin damit künstlerisch auseinandergesetzt.

"Hat Erinnerung noch Zukunft?" Die provokante Frage von Thomas Zuche von der AG Frieden beantwortet Lichtenberg mit einem klaren Ja. "Meine Schüler haben mich gedrängt, nach Auschwitz zu fahren." Die Jugend habe drängende Fragen zum Thema.

Marie-Louise Lichtenberg: "Zwischen Glück und Grauen", Allitera-Verlag, München, ISBN 978-3-86906-141-2, 332 Seiten, 24 Euro. Zur Ausstellung gibt es ein Medienverzeichnis in der Stadtbibliothek am Domfreihof.

weitere Termine Bis 11. Februar, Montag bis Freitag, 9.30 bis 17.30 Uhr: Ausstellung "Gegen das Vergessen - Zwischen Glück und Grauen, Goldap und Gernika", VHS Trier, Domfreihof 1b; vom 14. bis 18. Februar, 8 bis 21 Uhr, im A/B-Foyer der Universität Trier. Freitag, 28. Januar, 8.30 Uhr: Freitagsfrühstück im Fetzen-Café, Im Treff 15. Sonntag, 30. Januar, 14.30 Uhr: Führung in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert; Mitfahrgelegenheit ab Uni Trier, Treffpunkt: 14 Uhr, ESG, Im Treff 19; Anmeldung: Telefon 0651/16051, E-Mail: esg@uni-trier.de. Mittwoch, 2. Februar, 15 Uhr: Philosophisches Café "Jenseits von Gut und Böse?" mit Professor Josef M. Werle, ESG. Donnerstag, 3. Februar, 19.30 Uhr: Zeitzeugengespräch mit dem französischen Résistance-Mitglied Pierre Rolinet, VHS Trier, Domfreihof. Dienstag, 8. Februar, 16.15 Uhr: Gespräch zur Erinnerungskultur: "Sich des Grauens erinnern ...", ESG. Mittwoch, 9. Februar, 15 Uhr: Philosophisches Café "Jenseits von Gut und Böse?", ESG. Donnnerstag, 10. Februar, 19.30 Uhr: Dokumentarfilm über die Zwangssterilisation des NS-Opfers Hans Lieser, VHS Trier. (mehi)