Erinnerung muss sein

Das neue Dokumtentations- und Begegnungshaus bei der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen SS-Sonderlagers Hinzert, die Ausstellung der Hochschulgemeinden über rechte Gewalt und die jetzt stattfindende Veranstaltungsreihe zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar bringen wie brennende Fackeln erneut Licht in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.

Bereits im jugendlichen Alter bemerkte ich (Geburtsjahrgang 1948) das Schweigen, Leugnen, Lügen und Ignorieren sowohl meiner Generation und der meiner Eltern - einer jahrzehntelangen Mehrheit in der Gesellschaft. Im Schulunterricht wurde die Zeit von 1933 bis 1945 eiligst abgehandelt. Der Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, die Lektüre von Eugen Kogons "Der SS-Staat", Presse- und Fernsehberichte - insbesondere die Serie "Holocaust" und die Fernseh-Dokumentation "Shoah" des Franzosen Claude Lanzmann - führten mir das ganze Ausmaß dieses grauenhaften Geschehens vor Augen und lösten eine nicht zu beschreibende tiefe Betroffenheit aus. Quälende Erkenntnis jedoch war über 40 Jahre meines Lebens die Blindheit, Ignoranz und das absolut fehlende Mitgefühl eines großen Teils meiner Mitmenschen den Millionen Opfern und Überlebenden des Holocaust gegenüber - trotz aller Gedenkveranstaltungen, der ausführlichen Berichterstattung, neuester Forschungsergebnisse, tausendfacher persönlicher Schilderungen. Der Holocaust wurde inmitten einer modernen Gesellschaft konzipiert und in die Tat umgesetzt, das heißt: in einer hoch entwickelten Zivilisation, in einem Umfeld auch außergewöhnlicher kultureller Leistungen. Daher muss er nach wie vor als Problem unserer Gesellschaft betrachtet werden. So lange Synagogen und jüdische Gemeindehäuser mehr als 60 Jahre danach immer noch polizeilich bewacht werden müssen, jahrzehntelange Freundschaften an dem Thema - einschließlich der Diskussion über den israelischen-palästinensischen Dauerkonflikt - zerbrechen, Bürger, die Stellung bezogen, telefonisch und brieflich anonym bedroht und verhöhnt werden (welch ein Triumph ist das für den Schurken Hitler, seine Henker und alle Alt- und Neonazis!). So lange ist es wichtig, richtig und gut, sich in Deutschland zu erinnern, nicht zu vergessen und sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus zur Wehr zu setzen. Die Mahnung "Wehret den Anfängen" und der Leitspruch "Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit" müssen fest im Bewusstsein, vor allem der jungen Generation, verankert bleiben. Peter-René Schenten, Trier