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Erinnerungen an die Glocke: Von der großen Liebe, Glockenjupp und Mainzer Spargel

Erinnerungen an die Glocke: Von der großen Liebe, Glockenjupp und Mainzer Spargel

Heute wird das Traditionslokal Die Glocke in Trier nach langem Umbau wieder eröffnet. Welche Erinnerungen haben Sie an die Glocke, fragten wir die TV-Leser. Sie haben uns zahlreich geschrieben - und eine Person steht bei fast allen im Mittelpunkt.

Zum ersten Mal nach der langen Renovierung ist die Glocke heute wieder geöffnet, zumindest für rund 160 Ehrengäste. Ab Samstag geht dann der reguläre Betrieb von Triers ältester Kneipe los. Der TV hatte die Leser zum Einsenden von Erinnerungen aufgerufen. Hier die ersten der schönen Erinnerungen.Vom Ferienjob zur großen Liebe

Die Glocke, hier begann also alles! Und dass es begann, daran ist meine Mutter schuld - oder es ist vielmehr ihr Verdienst. Sie versuchte mich damals, 1981, gleich nach dem Abitur und zu Beginn einer mehrjährigen "Findungsphase" von zu großem Müßiggang abzubringen und studierte aufmerksam den Anzeigenteil des Trierischen Volksfreunds. Dabei stieß sie auf eine Anzeige: "Bedienung gesucht im Hotel Restaurant zur Glocke". Mit "Du musst irgendetwas tun" motivierte mich meine Mama im Sommer 1981, mich dort vorzustellen.
Das hat sie später sehr bereut, denn die Glocke war ein seltsames Gebilde: mittags Restaurant mit gutbürgerlicher Küche und angeschlossenem Hotel. Der Tourist, der sich am Mittag sein Schnitzel mit Pommes und Salat schmecken ließ, das Hotelzimmer bezog und a bends nach Porta Nigra, Amphitheater, Basilika und mittelalterlichem Ambiente des Hauptmarktes müde zur Ruhe betten wollte, kam in eine überfüllte, verrauchte Studentenkneipe mit Musik, "Milljunen Leit un vill Balaawer", um es auf Trierisch zu sagen.
Die Glocke und ihr schwuler Wirt Jupp, der sich schon geoutet hatte, bevor es die Wortschöpfung überhaupt gab, waren eine Institution in Trier. Markenzeichen von Jupp: immer eine gelbe Maispapierzigarrette Marke Boyard im Mundwinkel.
Neben Serviceeinsatz und Küchendienst war ich meist abends hinter der Theke im Einsatz. Das fing dann so um 18 Uhr an: Dann kamen ein paar Stammkunden zur Knobelrunde an die Theke. Da hieß es dann, die ersten Altbiere mitzutrinken. Das ging dann ein bis zwei Stunden so, und nach einer kurzen Erholungsphase begann gegen 21 Uhr der Hauptkneipenbetrieb. Wochentags bis eins und am Wochenende bis zwei Uhr, dann war Sperrstunde, und Jupps augenzwinkernder Ruf erschallte: "Raus hei, ronner von maanem Grundstück, hatt dir kaan Betten dahaam?"
Der Ferienjob hatte sich ziemlich ausgeweitet, mein dann begonnenes Studium wurde zur Nebensache - und damit kam auch der Zeitpunkt, an dem meine Mutter zutiefst bereute, mir den Job aus dem Volksfreund empfohlen zu haben: Die ganzen Nächte in der Kneipe, viel geraucht und getrunken - in der Glocke gab's Altbier vom Fass -, das war für den Jungen weder gesund noch zukunftsweisend.
Aber wie (fast) alles im Leben, hatte auch diese Kneipenphase ihr Gutes: Ich hätte sonst meine zukünftige Frau Ruth wahrscheinlich nie kennengelernt! Unter den Gästen der Glocke fiel mir nämlich irgendwann die Ruth auf, ein hübsches, schwarzhaariges Mädel, mit einem äußerst sympathischen Lachen, in ihrer meist ungeschminkten Natürlichkeit, aus Schweich. Beeindruckend waren auch ihre Sparsamkeit und Abstinenz: Ruth verbrachte oft den ganzen Abend mit einem Glas Orangensaft. Bis auf die schwarzen Haare, die Sparsamkeit und die Abstinenz ist Ruth übrigens bis heute so geblieben. Zu meinem Thekenkollegen Ollie habe ich damals gesagt: Das wäre eine Frau fürs Leben.
Für mich war hinter der Theke nichts leichter, als Ruth zu beeindrucken: Stellte sie sich in der dritten Reihe an der Theke an, um ihren Orangensaft zu bestellen, habe ich alles stehen und liegen lassen. Reihe eins und zwei mussten dann warten. So nahm das Verhängnis - ähm - das Glück seinen Lauf. Nach Fastnacht 1983 wurden wir ein Paar, 1985 sind wir aus Trier weggezogen, 1991 wurde geheiratet, zwei Kinder wurden geboren und ein Haus wurde gebaut.
Ich habe die Entwicklung der Glocke mit Spannung verfolgt. Es reifte die Idee in mir, unsere Silberhochzeit im September 2016 dort zu feiern, wo alles begann. Etwa ein Jahr vorher begann ich mit der Planung, denn es sollte eine Überraschung für meine Frau werden, bei der unsere Freunde und Verwandten nach Trier kommen, um mit uns in der Glocke zu feiern. Anfangs war die Planung noch, dass alle auswärtigen Gäste im neuen "Romantikhotel" Glocke unterkommen sollten. Durch die Verzögerungen der Baumaßnahmen durfte aber letztlich nur das Silberhochzeitspaar in der Glocke übernachten. Wir hatten somit die große Ehre, als erste Übernachtungsgäste die neue Glocke einweihen zu dürfen.
Im restaurierten Gewölbekeller konnte jedoch unsere Silberhochzeitsfeier mit einem hervorragendem Büfett wie geplant stattinden. Früher war der Gewölbekeller mehr ein dunkles Verlies, das als Abstellkammer benutzt wurde. Heute ist es ein Schmuckstück und nicht mehr wiederzuerkennen. Es freut mich außerordentlich, was die Familie Brommenschenkel aus der Glocke gemacht hat. Mein besonderer Dank geht an die Geschäftsführerin Christiane Theisen, die unsere Feier und Übernachtung organisiert und zum Teil auch improvisiert hat, sowie an das Glocken-Team für die Bewirtung. Wir kommen wieder!
Stefan Fischer, FriedbergBöser Wecker

1986 verbrachten mein Freund und ich unseren ersten gemeinsamen Urlaub in Trier. Mein Freund war Zivildienstleistender und ich Studentin - wir hatten wenig Geld und suchten darum ein Hotel, das für unseren Geldbeutel geeignet war. Das war die Glocke. Wir reservierten ein Zimmer, nur mit Waschbecken, Dusche und WC waren auf dem Gang. Das Zimmer lag direkt zur Straße, und es war ein sehr heißer Sommer, wir mussten also das Fenster immer offen lassen. Gegenüber gab es eine Kneipe mit dem Namen Intercity, dort lief den ganzen Tag und die halbe Nacht über laute Musik, und (gefühlt) jedes zweite Lied war "La isla bonita" von Madonna. Unvergessen diese Woche und das "ewige" Lied :-)
Als wir in die Glocke einzogen, stellte ich meinen Wecker ein, und wir gingen in die Stadt. Als wir zurückkamen, bekamen wir die Abreibung unseres Lebens. Der Wecker hatte begonnen, Musik zu spielen, die Nachbarn hatte das gestört, und die Wirtin musste den Wecker ausstellen. Für den Rest der Woche trauten wir es uns nicht mehr, den Wecker auch nur einzustecken?...
Am Ende der Woche fuhren wir nach Hause und sagten uns: Das ist eine so wundervolle Stadt, da fahren wir auf jeden Fall noch mal hin.
Mein ehemaliger Freund und ich sind heute 27 Jahre verheiratet und haben es wahrgemacht, diese schöne Stadt Trier, dann später auch mit unserer Tochter, immer wieder zu besuchen. Wir haben eine Wohnung in der Innenstadt gekauft und sind an Wochenenden und im Urlaub in unserer Lieblingsstadt.
Die neueröffnete Glocke werden wir auf jeden Fall wieder besuchen und uns dabei auch an damals erinnern.
Sabine und Peter Graben, Asslar-BechlingenDer Mann mit dem Akkordeon

Das Gasthaus Zur Glocke war in den 1950er Jahren an den Wochenenden die Stammkneipe meines Vaters. Freitagsabends traf sich die Skatrunde dort. An einem Freitag, gegen Abend, ich war 15 oder 16 Jahre alt, zeigte mir mein Vater am Küchentisch, wie beim Skatspiel gereizt wird. Er war, soweit ich mich erinnere, bald selbst ziemlich gereizt, weil ich das Reizen nicht sofort verstand. Die Karten selbst waren mir vom Mau-Mau-Spiel vertraut. Nach dem Schnellkursus im Reizen nahm er mich dann am gleichen Abend mit in die Glocke - ich sollte an der Skatrunde teilnehmen. Schon kurze Zeit später war es mit dem Skatspielen vorbei. Der Glocke blieb ich aber fortan treu, wenn in den ersten zwei Jahren auch nur mit Limo.
Der Gastwirt Josef Berens, der Vater vom Glockenjupp, lud mich, kaum dass ich 18 Jahre alt war, zu den Proben des Männergesangvereins Sankt Gervasius.
Nach der Dienstags-Probe gingen wir Jungs noch öfter zur Glocke. Die Mutter vom Glockenjupp spendierte uns häufig dicke Scheiben Fleisch- und Bierwurst mit Brötchen. Während der närrischen Tage spielte ich in der Glocke auf meinem kleinen Akkordeon stundenlang Karnevalslieder und unterhielt damit das ganze Lokal. Stammgast war damals auch die Familie Baltes, Besitzer der Filmtheater Römertor und Atrium. Herrn Baltes gefielen mein Engagement und die Stimmung, die ich mit meinem Akkordeon verbreitete, so sehr, dass er auf einen Bierdeckel schieb: "Freier Eintritt in Römertor und Atrium, Baltes".
Gewappnet mit diesem Bierdeckel kam ich die Monate danach problemlos in die beiden Kinos.
Nach der Sonntagsmesse in Gangolf trennten sich die Wege der Eltern. Mein Vater und ich gingen zum Frühschoppen in die Glocke - nicht ohne vorher ermahnt worden zu sein, pünktlich zum Mittagessen zu kommen. Meine Mutter ging nach Hause. Ich ging häufiger alleine nach Hause, da die Skatrunde kein Ende nehmen wollte.
Die Glockenjupp-Jahre erlebte ich nur sporadisch, wenn ich zum Wochenende mal nach Trier kam. Obligatorisch war dann die Thekenrunde am Samstag gegen Mittag, wo man mit manchmal acht bis zehn Mann an der Theke stand, und wo immer die neuesten Witze erzählt wurden. Die besten Witze kamen fast immer vom Jupp hinter der Theke, die Gauloises Gitanes aus Maispapier immer im Mundwinkel hängend.
Natürlich war jeder mal an der Reihe, die nächste Runde auszugeben. Wenn alle durch waren, musste Günni, ein alter Eisenbahner, immer plötzlich weg. Da der Günni aber durch seine Art für viel Heiterkeit sorgte, regte sich weiter keiner darüber auf.
In den ersten Jahren nach der Übernahme lud Jupp zu Silvester seine Stammgäste zu einem opulenten Abendessen ein, bei dem er all sein Können als Koch unter Beweis stellte. Mit meinem Akkordeon sorgte ich dann für die richtige Stimmung. Es waren wunderschöne Jahre, von denen mir vieles in Erinnerung geblieben ist.
Karlheinz Becker, TrierUnvergessen

Ich habe meine halbe Ausbildungszeit 1983 bis 1986 in der Glocke verbracht. Wir waren eine Gruppe von acht bis zehn Azubis aus dem Brüderkrankenhaus und haben dort so manchen Viez getrunken und viele Zwiebelsuppen gegessen. In guter Erinnerung sind mir Jupp und vor allem Ellen als nette Stammbedienung geblieben, die vom Alter her locker unsere Mutter hätte sein können. Nach unserem Examen war ich fast zwei Jahre lang nicht mehr in der Glocke. Als ich dann wieder mit einer Freundin dort einkehrte, sah alles aus wie immer. Ellen grüßte freundlich, ich überlegte, ob sie mich wohl noch erkennt. Nach fünf Minuten hatte ich, ohne zu bestellen, meinen Viez-Sprudel und eine Zwiebelsuppe vor mir stehen. Ich hatte Tränen in den Augen, sah Ellen nur an und wollte etwas sagen. Sie sagte: "Wie könnte ich euch alle nur vergessen? Ihr wart so eine nette Gruppe!"
Wolfgang Reifenberg, TrierSpargelzeit

Als ich nach 39 Jahren in meine Heimatstadt Trier zurückgekommen und mit meiner ersten Jugendliebe in Trier im Jahr 2002 wieder zusammengekommen bin und wir auch geheiratet haben, war fast jeder Tag mit dem Besuch beim Glockenjupp verbunden. Mein 2014 verstorbener Mann war ein Jugendfreund von Jupp und seiner Schwester Annemarie Simon. Wenn die Spargelzeit kam, haben wir für die Glocke aus Mainz-Finthen morgens gegen 6 Uhr den bestellten Spargel abgeholt. Nachdem Jupp und auch Annemarie Simon gestorben waren, brachen leider die vielen Besuche der Glocke ab.
Christa Graff, TrierAnzug verzweifelt gesucht

Als junger Bursche war ich in den 1950er und 60er Jahren Sänger beim MGV St. Gervasius. Unser damaliger Vorsitzender war Josef Berens senior, unser Vereinslokal die Glocke. 1961 stand unser 125-jähriges Bestehen an. Es wurden drei Fahnenträger beziehungsweise Junker gesucht. Benannt wurden Gerd, Klaus und Günter (das bin ich).
Was wohl in der Zeit und in meinem Alter so war: Ich hatte keinen schwarzen Anzug. Im Hinterzimmer der Glocke wurde nach einer Lösung gesucht. Berense Jupp, unser väterlicher Freund, überlegte kurz und sagte: "Günter, ich hol dir meinen Brautanzug!" Der passte nicht überall (verständlich). Da hatten wir noch Sangesbruder Owiens Toon. Er als Schneidermeister hatte diese Sache schnell gelöst, der Anzug passte. So konnte unser großes Fest 125 Jahre MGV St. Gervasius mit einer neuen Vereinsfahne und meinem fast neuen schwarzen Anzug gefeiert werden.
Günter Scherren, KennMit allen Höhen und Tiefen

 Altstadtfest 1983. Glockenwirt-Jupp mit Ruth Fischer. In der Glocke lernt sie ihren künftigen Mann Stefan kennen - mit dem sie seit 1991 verheiratet ist.
Altstadtfest 1983. Glockenwirt-Jupp mit Ruth Fischer. In der Glocke lernt sie ihren künftigen Mann Stefan kennen - mit dem sie seit 1991 verheiratet ist. Foto: privat
 Stefan Fischer hat jahrelang in der Glocke bedient. Dort lernte er auch seine künftige Ehefrau kennen. Heute leben die beiden im hessischen Friedberg. Ihre Silberhochzeit konnten sie kürzlich schon in der fast fertig renovierten Glocke feiern.
Stefan Fischer hat jahrelang in der Glocke bedient. Dort lernte er auch seine künftige Ehefrau kennen. Heute leben die beiden im hessischen Friedberg. Ihre Silberhochzeit konnten sie kürzlich schon in der fast fertig renovierten Glocke feiern. Foto: privat

Seit 34 Jahren mein Stammlokal mit allen Höhen und Tiefen. Viele Menschen habe ich kommen und gehen gesehen - Gäste und Personal! Für die Geschichten würde eine TV-Seite nicht ausreichen. Die erzählen wir uns dann am Dienstagsstammtisch beim Viez.
Thomas Lehnart, Trier