Erst Schlampe, dann Engel

TRIER. (kat) Wenn Michael Kiessling, seit Jahren in Berlin erfolgreich, seine alte Heimat Trier besucht und dabei seine beliebte Bukowski-Revue mitbringt, ist ihm die Gunst des Publikums sicher. Zumal sich die Revue mit jedem Jahr verändert und Überraschungen bereit hält. Mehr als 150 Gäste sahen "Bukowski waits for you" im Spiegelzelt.

"Bukowski ist tot", schreit Marie Gruber. Zu hohen Stöckelschuhen trägt die Aktrice grobmaschige Netzstrümpfe, ihr Dekolleté lässt tief blicken, der rote umhüllende Samtmantel hängt salopp an ihr herunter. Mit einer Kippe in der Hand torkelt sie an den Zuschauern vorbei. Die exzellente Schauspielerin spielt, lebt und leidet Texte von Lewis Carroll, William S. Burroughs, Oliver Bukowski und Bertolt Brecht. "Du bist ein Versager im Bett", plärrt sie. Michael Kiessling, die Wangenknochen mahlend, lehnt an einem Stehtisch, legt in Zeitlupentempo seine Krawatte ab, krempelt die Ärmel hoch und lässt den provokativen Wortschwall über sich ergehen. Die Atmosphäre knistert vor Aggressivität. Eine Bar zu nächtlicher Stunde ist der Mikrokosmos, in dem sich das mittlerweile sehr vertraut agierende Duo Gruber/Kiessling bewegt. Charles Bukowski und Tom Waits, zwei typische "Bad Boys", prägen den Hintergrund des Stücks, dem die Bühnenprofis Leben einhauchen. Marie Gruber rezitiert Texte von Liebe, Hoffnung, Abgründen und dem Elend, am Existenzminimum zu leben. Ihre Wandlungsfähigkeit - in Sekunden wird aus der kreischenden hysterischen Geliebten eine naive Kindfrau mit engelsgleichem Stimmchen - lässt das Publikum auf Tuchfühlung mit menschlichen Licht- und Schattenseiten gehen. Vieles geschieht nicht auf der Bühne, sondern mitten unter den Zuschauern, die zu Kneipengästen werden. Sie müssen sich die Anmache der Bukowski-Schlampe gefallen lassen oder werden zu einem Tanz auf dem Parkett eingeladen. Nur die Glücklichen, die bei Kerzenlicht am Rande der Spiegelzelt-Manege einen Sitzplatz in den Nischen haben, bleiben unbehelligt und werden an diesem Abend zu Beobachtern eines Lebens inmitten von Zigarettenrauch und Alkoholdunst. Das Bühnenspiel im schummrigen Milieu wird durch Michael Kiessling und seine Musiker Jens Saleh und Matthias Behrsing auch zum akustischen Erlebnis. Die Stücke von Tom Waits, Nick Cave, Leonard Cohen, Hildegard Knef und Udo Lindenberg geben Marie Gruber häufig Antworten auf ihre Fragen. Mit seiner unverkennbaren Reibeisenstimme erzeugt der Lokalmatador Kiessling Gänsehaut am laufenden Band. Experimentierfreude beweist der in Berlin lebende Trierer Musiker auch dieses Mal. So darf sich der Zuhörer nicht wundern, dass sich auch Sir Elton John in der Bar- Revue wieder findet. "It´s a little bit funny”, singt Kiessling an. Schon nach der ersten Textzeile unterbricht Marie Gruber den Song. "Nichts ist funny", grölt die Schauspielerin. Die Zuschauer sind anderer Meinung. Minutenlangen Applaus erntet das "Bukowski waits for you"-Ensemble.

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