Erst zum Einkaufen und dann ein Käffchen

Erst zum Einkaufen und dann ein Käffchen

Der Bürgerbus „Poar“ macht seine Jungfernfahrt nach Pluwig. Mit einer Urlaubsbekanntschaft fing alles an.

Die Frauen auf der Rückbank kichern amüsiert, denn Erwin Bales spielt den Schaffner: "Achtung, meine Damen, wir kommen gleich zum Einkaufszentrum Pluwig, der Zug fährt in einer Minute ein." Der "Zug", das ist ein Ford Transit, Bales der Fahrer des Neunsitzers und die Damen die ersten Fahrgäste des neuen Bürgerbusses "Poar". Poar heißt im Volksmund Pfarrei und ist ein Sammelbegriff für die fünf Gemeinden Bonerath, Hinzenburg, Holzerath, Ollmuth und Schöndorf.

Vor etwa 13 Monaten wurde erstmals über die Einführung eines Bürgerbusses gesprochen. Man hatte im oberen Ruwertal die Nase voll: Der öffentliche Personennahverkehr weist dort große Lücken auf, das letzte Lebensmittelgeschäft hat aufgegeben, auch die Banken haben sich zurückgezogen. Den Anstoß, dass Bürger für Bürger einen Fahrservice innerhalb der Verbandsgemeinde Ruwer und darüber hinaus anbieten, hatte Albert Backes aus Holzerath. Der 65-Jährige brachte die Idee mit aus einem Urlaub in Baden-Württemberg. "Ich finde es toll, dass sie da Urlaub gemacht haben, jetzt fährt auch in der Poar ein Bürgerbus", sagt Kreisbeigeordnete Stephanie Nickels bei der Eröffnungsfeier im Bürgerhaus Schöndorf. Das sei auch ein Beweis für den guten Zusammenhalt in den fünf Orten.

Der Bus soll "mobil eingeschränkte Menschen" kutschieren. Backes macht deutlich, dass damit nicht nur Ältere und Kranke gemeint sind. Auch Menschen ohne Führerschein oder solche, die aus anderen Gründen ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können, sollen kostenlos transportiert werden - ab Haustüre und kostenfrei (siehe Info). "Den Mercedes-Fahrer, der bei schlechtem Wetter sein Auto schonen will und deshalb den Bürgerbus ordert, nehmen wir natürlich nicht mit", sagt Backes.

Das Poar-Team besteht mittlerweile aus 16 Fahrern und sieben Helfern im Büro. Diese Zahlen imponieren Holger Jansen von der Agentur Landmobil. Sie unterstützt landesweit Bürgerbus-Projekte im Auftrag des Verkehrsministeriums. "Wir wollen Menschen zusammenbringen, das ist mehr als von A nach B zu fahren", sagt Jansen. Der Poar-Bus ist das 54. Projekt dieser Art in Rheinland-Pfalz, im Kreis gibt es bereits in Tawern und in der VG Saarburg Bürger-Fahrdienste. Für die Anschubfinanzierung von 20.000 Euro sorgen die Kommunen: 10.000 Euro gibt die VG Ruwer, jeweils 2000 Euro steuern die fünf beteiligten Gemeinden bei. Alle Ratsbeschlüsse waren einstimmig pro Bürgerbus, wie VG-Beigeordneter Karl-Heinrich Ewald betont. Pfarrer Ralf-Matthias Willmes, der den Bürgerbus segnet, bezeichnet das Projekt als "christlichen Dienst der Nächstenliebe".

In den ersten Wochen, die der Bürgerbus unterwegs ist, will man Erfahrungen sammeln. Deshalb wird neben dem Fahrer ein zweiter Ehrenamtler als Beifahrer eingesetzt. Bei der Jungfernfahrt ist es Roland Schreiner. Er ist im Vorruhestand und sagt: "Diese Gelegenheit kommt gerade richtig, um mich sozial zu engagieren. Es ist eine gute Sache." Man kennt sich im Team, einmal im Monat sollen die Erfahrungen bei einem "Arbeitsfrühstück" ausgetauscht werden. "Besser geht immer", sagt Albert Backes. Für den Anfang ist er sehr zufrieden. Das geleaste Fahrzeug ist mit Einstiegshilfe und Haltegriffen behindertenfreundlich ausgestattet. Die Fahrer haben einen Erste-Hilfe-Kurs und einen Sehtest absolviert. Zur Bordausrüstung gehört ein Handy. Die Nummer ist bei Ärzten und Physiotherapeuten hinterlegt, damit diese anrufen können, wenn der Patient mit dem Bürgerbus abgeholt werden kann.

In der Poar hat man sich gegen Linienfahrten und für den Hol- und Bringdienst ausgesprochen. Der Grund ist einleuchtend: Wer gehbehindert ist, dem kann auch niemand zumuten, zu einer Haltestelle zu gehen.

Anruf genügt, und tags darauf kommt der Bus

Der Bürgerbus "Poar" fährt zweimal wöchentlich, und zwar jeden Dienstag und Donnerstag. Wer mitfahren möchte, meldet die Fahrt am Vortag in der Zeit von 15 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 06588/9836897 an. Fahrtziele sind beispielsweise Ärzte, Physiotherapeuten, Einkaufsmärkte, Altenheime und Krankenhäuser. Aber auch die Fahrt zum Friseur, zu einem Café oder zu Verwandten und Freunden kann angemeldet werden.
Kommentar

Sie sind die ersten Fahrgäste im Bürgerbus: Pauline Becker, Martha Michels und Maria Fass (von links) aus Holzerath lassen sich nach Pluwig in einen Einkaufsmarkt und ein Café fahren. Foto: Albert Follmann

Der Bus kommt noch auf Touren

Von Albert Follmann

Drei Freundinnen aus Holzerath haben das Eis gebrochen. Sie waren die ersten Fahrgäste des Bürgerbusses und froh, mal wieder unter Leute gekommen zu sein. Die Damen, alle in den Achtzigern, wurden noch gefragt, ob sie gefahren werden wollen. Es war zu erwarten, dass anfangs die Hemmschwelle, sich für eine Fahrt zu melden, noch hoch sein würde. Hat sich der Service erst einmal rumgesprochen, wird das anders sein. Ein schlechtes Gewissen braucht niemand zu haben: Wer möchte, kann ja was in die Spendenbox werfen.
a.follmann@volksfreund.de

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