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Es geht auch ohne Antikenfestspiele

Es geht auch ohne Antikenfestspiele

117 000 Besucher wollten die Veranstaltungen des Theaters Trier in der Saison 2008/09 sehen. Die Zahlen wurden diesmal erst sehr spät vorgestellt, aber das Warten hat sich gelohnt - nicht nur, weil sich das Ergebnis sehen lassen kann.

Trier. Die neue Verwaltungs-Chefin des Theaters, Heidi Schäfer, hat das einst undurchsichtige Zahlenwerk gründlich renoviert, vieles transparenter gemacht und sogar die stets als Staatsgeheimnis behandelten Abonnentenzahlen veröffentlicht. So lässt sich die Entwicklung des kulturellen Marktführers der Region wesentlich genauer analysieren.

Auffälligstes Fazit: Der Ausfall der Antikenfestspiele macht sich in den Besucherzahlen nicht nennenswert bemerkbar. Das Theater hat mit seinem erfolgreichen "Sommerprogramm" den Wegfall von rund 10 000 Festspiel-Gästen locker kompensiert.

7000 Besucher mehr - aber überwiegend auswärts



Dass man mit 117 000 Gesamt-Besuchern gegenüber der Vorsaison sogar um 7000 zugelegt hat, hat freilich mehr mit externen Gastspielen des Orchesters in Frankreich und Italien zu tun als mit dem Trierer Publikum - auch das eine Erkenntnis, die sich der neuen Ehrlichkeit der Theaterbilanz verdankt. Aber selbst wenn man diesen Effekt weglässt, zeigen die Zahlen ein gutes Maß an Kontinuität.

Neue Akzente setzten in der letzten Spielzeit vor allem das Tanztheater und das Konzertprogramm. Die Trierer "Piaf"-Ballettproduktion mit ihrer Verbindung von Tanz und Live-Musik katapultierte sich mit 7200 Besuchern nicht nur auf Platz 3 der Gesamt-Statistik, sondern bescherte der Tanz-Sparte fast eine Verdopplung des Zuspruchs. Der neue Orchester-Chef Victor Puhl holte mit seinen Reihen "Weltmusik" und "Familienkonzert" 3500 zusätzliche Hörer ins Haus.

Traditionell ganz vorn lag das Kindermärchen "Der Zauberer von Oz" mit 18 700 Zuschauern, unter den Produktionen für Erwachsene war - nicht unerwartet - das Musical "Anatevka" mit 10 700 am meisten gefragt. Auffällig, dass der hauseigene "Männer"-Abend mit dem Trier er Original Helmut Leiendecker Schauspiel-Klassiker wie "Romeo und Julia" oder "Des Teufels General" abhängte. Unübersehbar auch, dass es bei Oper und Operette trotz einer eher populären Stück-Auswahl zunehmend bröckelt - minus 7000, das ist schon ein Pfund, das sich mit dem Wegfall der Antikenfestspiel-Oper alleine nicht erklären lässt.

Vielleicht wird da schon deutlich, was Intendant Gerhard Weber als "neue Linie" beschreibt: Das Stamm-Publikum nicht aus den Augen zu verlieren, aber trotzdem zunehmend auf neue Besucher-Schichten zuzugehen. Die Renaissance des Studios schlägt sich in Überraschungs-Erfolgen wie "Das wunderbare Zwischending" nieder, Produktionen außer Haus wie der "Theatersport" in der Tufa und "Wilhelm Busch" im Chat Noir sind längst richtige "Quotenbringer" geworden, die sich auch zahlenmäßig in der Bilanz deutlich niederschlagen.

Webers Strategie ist logisch, wenn man sich die Abo-Zahlen anschaut. Sie sinken kontinuierlich, allerdings mit unterschiedlichem Tempo. Während die "freien" Abos, oft von Städtern genutzt, halbwegs konstant sind, reduzieren sich die organisierten Besuchergruppen aus den Landkreisen dramatisch - fast 40 Prozent Rückgang in den letzten sechs Jahren. Das dürfte mit der demografischen Entwicklung zu tun haben, aber auch mit dem Schwinden langjähriger Traditionen. Für Letzteres spricht auch, dass etwa bei den Konzerten die neuen, spezialisierten Angebote gut ankommen, gleichzeitig aber bei den "klassischen" Sinfonie-Konzerten nur noch drei von vier Plätzen besetzt sind.

Wie hart das Theater daran arbeitet, sein Publikum zu rekru tieren, lässt sich übrigens an einer Zahl festmachen: Insgesamt ging der Vorhang 415 Mal hoch - 65 Veranstaltungen mehr als in der letzten Saison.

Meinung

Gut aufgestellt

Das Theater Trier ist, was den Zuspruch angeht, in einem guten Zustand. Anders als in vielen anderen Häusern gelingt es offenbar, den unvermeidlichen Generationswechsel beim Publikum ohne Einbruch der Zahlen zu bewältigen. Auch die Linie, die künstlerische Ästhetik behutsam zu modernisieren, ohne die Stammbesucherschaft durch all zu heftige Experimente zu vertreiben, geht ganz gut auf. Das ist auch nötig, denn angesichts der anstehenden 20-Millionen-Sanierung des maroden Gemäuers und im Hinblick auf die zu erwartenden kannibalistischen Konkurrenzkämpfe um die Rest-Mittel für "freiwillige Ausgaben" wie die Kultur, braucht das Theater einen festen Stand. Die Zeiten werden nicht leicht sein, wenn die Realität die Kommunen demnächst einholt. Und noch eine wichtige Erkenntnis bringt die aktuelle Theaterbilanz: Für das einheimische Publikum braucht man die Antikenfestspiele nicht. Die Trierer und ihre Nachbarn sind mit einem schönen, aber preiswerten "Theatersommer" mindestens genau so froh. Die Existenzberechtigung des Antikenfestivals steht und fällt also mit der Frage, ob es gelingt, externe Besucher anzuziehen. Zugegeben: Das ist nicht neu. Es war sogar mal die Geschäftsgrundlage der Gründung. Aber man muss es den vergesslichen Kulturpolitikern immer wieder mal ins Stammbuch schreiben. d.lintz@volksfreund.de