"Es geht nicht bergab mit der Jugend"

"Es geht nicht bergab mit der Jugend"

TRIER. Fast eineinhalb Million Euro hat das Trierer Jugendamt im vergangenen Jahr durch die Vermeidung von Heim-Unterbringungen eingespart. Insgesamt war das Amt in 678 Fällen als Helfer in der Not gefragt.

Dass Amtsleiterin Irmgard Wefelscheid und ihre Kollegen diedauerhafte Unterbringung in einem Heim allenfalls als "letztenAusweg in Einzelfällen" begreifen, hat nicht nur finanzielleGründe. Problem-Familien zu helfen, damit sie dieErziehungs-Aufgaben selbst bewältigen können, das ist die obersteDevise der städtischen Einrichtung. "Die Zeiten der Eingriffs-und Zwangsverwaltung sind lange vorbei", betont Jugend-DezernentGeorg Bernarding. So hat sich die Zahl der teuren Heim-Unterbringungen seit zehn Jahren um rund ein Drittel auf durchschnittlich 87 verringert - zugunsten von Pflegefamilien oder einem ganzen Bündel von Betreuungsmaßnahmen innerhalb der "eigentlichen" Familie. Das beginnt bei Schülerhilfe und Gruppenarbeit und reicht von der Benennung eines beratenden "Erziehungsbeistands" (152 Fälle) über eine fachlich-sozialpädagogische Familienhilfe (59) bis zur umfassenden Betreuung der Kinder in Tagesgruppen (42).

Das Jugendamt, einst als "beliebtes" Droh-Instrument eingesetzt, hat seinen Charakter verändert. "Keiner braucht Angst zu haben, der zu uns kommt", verspricht die Amtsleiterin und weist auf die Freiwilligkeit hin. Nur wenn akute Gefahr für ein Kind besteht, muss die Behörde maßregelnd eingreifen - ein Ausnahmefall.

Viele haben das begriffen. "Immer mehr Eltern kommen mit ihren Erziehungs-Problemen direkt auf uns zu", erzählt Wefelscheid. Ihre Mitarbeiter haben Schweigepflicht und garantieren Datenschutz. Auch aus Schulen und Jugendeinrichtungen wird das Jugendamt immer häufiger angesprochen, wenn Probleme auftauchen.

Problemfälle werden nicht mehr, aber jünger

Dabei ist die Zahl der Problemfälle entgegen düsterer Szenarien in Trier nicht nennenswert gestiegen. "Es geht nicht bergab mit der Jugend, wie manche meinen", resümiert Bernarding die Statistik. Auffällig sei allerdings, dass manche Probleme "bei sehr viel Jüngeren auftreten als noch vor Jahren". Irmgard Wefelscheid nennt "familiäre Instabilität" als Ursache, den Verlust von festen Bezugspersonen für die Kinder durch häufigen Partnerwechsel bei den Eltern. Oft gebe es "hässliche Streitigkeiten um das Umgangsrecht", die auch das Jugendamt berühren.

Oft gleicht die Aufgabe der Mitarbeiter dann einer Gratwanderung, vor allem, wenn Missbrauchs- oder Misshandlungsvorwürfe erhoben werden. Mit Dorothee Wassermann hat das Amt eine speziell ausgebildete Fachfrau, die nach eigenem Bekunden "jedem geäußerten Verdacht nachgeht" - auch wenn sich viele Aussagen als unbegründet erweisen.

Das Amt prüft im Rahmen seiner Möglichkeiten, aber die sind begrenzt. "Wir sind keine Strafverfolgungsbehörde", betont Dezernent Bernarding. Für knallhartes Durchgreifen bei Missbrauchs-Hinweisen, wie es viele Bürger nach Vorgängen wie in Saarbrücken fordern, fehlt oft die Rechtsgrundlage. Und die richtige Beurteilung der Situation ist nicht immer einfach. "Vor Fehleinschätzungen ist niemand gefeit", räumt Amtsleiterin Wefelscheid ein.

Dennoch ist man froh, dass die Aufregung über spektakuläre Fälle zu einer "spürbar erhöhten Sensibilität" geführt habe. "Immer öfter rufen Leute an und machen uns auf Probleme aufmerksam", berichtet Dorothee Wassermann. Und das kann für manches Kind die entscheidende Chance bedeuten.

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