Es gibt immer einen Weg

"Im Prinzip zu viel", sagt Ernst Krämer, während seine Frau Waltraud Krämer ihre Akten durchblättert und zählt. 61 Fälle hat die 46-Jährige ordentlich abgeheftet und archiviert. 61 Fälle in fünf Jahren. Fälle, in denen ihre Hilfe gebraucht wurde. Hilfe für Opfer von Straftaten. Die hat sie als engagierte Mitarbeiterin des Weißen Rings geleistet, dessen Außenstelle für Stadt und Kreis sie ab kommender Woche leitet.

Trier. Waltraud Krämer hat vieles von ihrer Schwester gehört, die als Justizvollzugsangestellte in der JVA Trier arbeitet. "Ich bin niemand, der zusieht", sagt Krämer. Sie wollte sich engagieren. Wie genau, das wusste sie nicht, bis sie 2001 während der Moselland-Ausstellung Claus Bermes kennen lernte. Der ehemalige Polizist hat 1988 die Leitung der Außenstelle des Weißen Rings für Trier und den Kreis Trier-Saarburg übernommen und ist seither für die Opferhilfe-Institution tätig. Krämer wurde Mitglied, absolvierte die Grundausbildung, die Basis, um Menschen beraten, ihnen Beistand leisten zu können. Ihr Mann zog mit, machte die Ausbildung, wurde aktives Mitglied. "Ohne Verständnis und Rückhalt der Familie geht das nicht", sagt die 46-Jährige und betrachtet es als glücklichen Umstand, dass ihr zum Verständnis auch die Möglichkeit zum Austausch mit einem Gleichgesinnten und Eingeweihten zuteil wird.

Drei Jahre war sie quasi in der Lehre, begleitete Bermes zu seinen Gesprächsterminen. Ihr erster Fall, den sie eigenverantwortlich bearbeitete, hatte es dann aber gleich in sich: Es handelte sich um drei Kinder, die missbraucht wurden. "Daran habe ich lange zu kauen gehabt", gibt selbst die professionelle Helferin zu. "Obwohl wir darauf vorbereitet werden, dass es unschöne Seiten und auch Gespräche gibt, in denen wir nicht helfen können." Hilfe kann schon sein, zuzuhören, am Telefon oder im persönlichen Gespräch, Mut zu machen, eine Telefonnummer einer anderen Institution weiterzugeben, einen Beratungs-Scheck für einen Anwalt oder Therapeuten auszuhändigen, einen Weg aufzuzeigen, wie es weitergehen kann. "Und es gibt immer einen Weg", sagt Krämer. Hilfe kann aber auch bis zur Begleitung zu Gerichtsverhandlungen oder bis zu finanziellen Zuwendungen zur Überbrückung tatbedingter Notlagen gehen.

Opfer werden häufig alleine gelassen



Realität sei, dass Opfer mit ihrer Tat-Erfahrung häufig allein gelassen würden, lange auf eine Therapie warten müssten. "Ich würde mir wünschen, dass Hilfe schneller ankommt", sagt Krämer. Denn während Täter nach der Festnahme relativ automatisch therapeutisch betreut würden, müssen Opfer von Straf- und Gewalttaten um eine solche Hilfe mühsam kämpfen.

om Handtaschenraub, Diebstahl über Körperverletzung bis zu Vergewaltigung oder Missbrauch - abgewiesen wird beim Weißen Ring niemand, der Opfer geworden ist. Auch wenn äußerlich keine Wunden zu sehen oder sie schon verheilt sind, "die Verletzungen sitzen tief. Dazu kommt das Gefühl von Ausgeliefertsein und die Wut darüber, sich nicht wehren zu können", weiß Waltraud Krämer.

Nun löst sie Claus Bermes als Leiter des Weißen Rings Trier ab und wird am Dienstag, 7. April, in ihrem neuen Amt offiziell begrüßt. Zu ihren Aufgaben gehört dann neben der direkten Opferhilfe auch, Vorträge zu halten, Werbung für den Weißen Ring zu machen und Aufklärungsarbeit zu betreiben. Sie habe es sich gut überlegt, den verantwortungsvollen Posten zu übernehmen. "Und diese Arbeit gibt mir Befriedigung." Es sei eine gute Erfahrung, "wenn man ein Netz aufspannen kann, in dem man jemanden auffangen kann".

EXTRA Der Weiße Ring hilft seit 32 Jahren Kriminalitätsopfern, schnell, unbürokratisch und direkt. In Rheinland-Pfalz gibt es 25 Außenstellen, bundesweit sind es 420. Im Mittelpunkt der hauptsächlich von Ehrenamtlichen geleisteten Arbeit des Weißen Rings stehen die immateriellen Opferhilfen, wie die Hilfestellung im Umgang mit Behörden, die Begleitung zu Gerichtsterminen, menschlicher Beistand, Gespräche, die Vermittlung von Hilfen anderer Organisationen. Das Hilfespektrum beinhaltet aber auch das Ausgeben von Beratungs-Schecks, die Unterstützung bei materiellen Notlagen sowie Geschädigte in besonders schweren Fällen zu einer Erholungsmaßnahme zu schicken. Informationen gibt es im Internet unter www.weisser-ring.de oder am Info-Telefon unter 01803/434343. (cofi)