Essay
Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben: Wir leben im Paradies auf Erden. Es gibt keine Kriege mehr und auch keine Hungersnöte.
Alles Elend ist verschwunden. Dies zu erreichen, war ein Leichtes. Es bedurfte lediglich eines anderen Vokabulars. "Friedenssichernde Maßnahmen" sind an die Stelle von Kriegen getreten. Der Hunger musste "temporären Versorgungsengpässen" weichen. Ja, selbst die Unterschicht gehört - dem "Prekariat" sei Dank - der Vergangenheit an. Wir haben uns eine schöne neue Welt geschaffen. Wenigstens mit Worten. In einer solchen Welt ist für Bösewichte kein Platz mehr. Die Schurken der deutschen Geschichte sind in der Öffentlichkeit nicht mehr anzutreffen. Längst sind die Straßen und Schulen dieses Landes nach Widerstandskämpfern oder wenigstens nach freiheitsliebenden Dichtern, sozial gesinnten Klerikern oder friedensstiftenden Politikern benannt. Nur selten, viel zu selten, versagt die deutsche Gründlichkeit. Dann kann es passieren, dass eine Straße immer noch den Namen eines Paul von Hindenburg trägt. Und der ist, selbst wenn man ihm nachsieht, dass er Hitler nicht verhinderte, eine ziemlich zwielichtige Gestalt. Und damit genau der Richtige für alle wahrheitsliebenden Menschen. Denn wer für das Gute und Erhabene eintreten will, muss erst das Böse und Niedere erkannt haben. Hindenburg kommt da goldrichtig. Wer ihn verstehen lernt, wird begreifen, warum die Weimarer Republik nie eine Chance hatte. Warum Demokratie für viele Amts- und Würdenträger nur ein lästiges Übel war, aber nichts, wofür sich persönlicher Einsatz gelohnt hätte. Es war der Falschspieler Hindenburg, der nach dem Ersten Weltkrieg die Dolchstoßlüge verbreiten ließ und damit die junge Demokratie als das Werk von Verrätern diskreditierte - der Keim für ihre spätere Zersetzung. Kein Widerstandskämpfer könnte deutlicher sichtbar machen, warum Frieden und Freiheit auf der Strecke bleiben mussten. Es lohnt sich also, die Hindenburgstraße zu erhalten. Wir brauchen auch weiterhin den Reichsmarschall als Namensgeber. Diesen autoritären Militaristen, der im Ersten Weltkrieg den U-Boot-Krieg eskalieren ließ. Diesen erzreaktionären Adligen, der zwar den "böhmischen Gefreiten" Hitler nicht mochte, doch die Demokratie noch weniger. In der Tat keine schöne Geschichte, aber eine wahre. Denn natürlich leben wir nicht im Paradies. Doch solange Straßen noch die Namen von Antihelden tragen, ist unsere Welt ein Stück weit weniger verlogen. Frank Jöricke