Dorfentwicklung : Kräutergarten statt Zierrasen

Ist Kenn ein „essbares“ Dorf? Die Frage ist nicht so skurril, wie sie zunächst klingt. Dies zeigt ein Rundgang über Kenner Grünflächen.

Öffentliche Grünanlagen bestehen in der Regel aus kurzgeschnittenen Rasenflächen und bunten Blumenbeeten, die von beauftragten oder kommunalen Gärtnern betreut werden. Etwas Essbares findet sich dort nicht, es sei denn, man wäre Kuh oder Pferd. Inzwischen setzt sich aber vielerorts die Idee durch, dass bei der Gestaltung solcher Flächen auch essbare Kräuter, Salate, Gemüse oder Beeren zum Einsatz kommen sollten. Dabei kann es sich sowohl um den gezielten Besatz mit Kulturpflanzen handeln als auch um Wildgewächse, die sich selbst ihren Platz im öffentlichen Grün gesucht haben.

Auch in der Gemeinde Kenn hat man diese Idee im Rahmen der laufenden Dorfmoderation aufgegriffen. Öffentliche Flächen, auf denen es grünt und sprießt, sind in der Ortslage genug vorhanden – etwa rund um die Wassertretanlage oder um das Rückhaltebecken unterhalb der Sportanlagen.

Was wächst dort und ist für menschlichen Verzehr geeignet? Lassen sich dort auch die üblichen Gartenpflanzen von Kräutern bis Gemüse ziehen? Um diese Frage zu klären, wurden bei einem Themennachmittag die besagten Grünflächen untersucht. Die Leitung hatte Dorfmoderatorin und Naturerlebnispädagogin Beate Stoff. Teilnehmen konnten alle Interessierten – auch ohne botanische Vorkenntnisse.

Schon auf den grünen Flächen der Wassertretanlage bot sich trotz der noch frühen Vegetationsphase eine große Vielfalt von wilden Nutzpflanzen. Sie sind essbar, taugen als Würze und besitzen oft auch heilende Kräfte. Doch der Laie geht daran achtlos vorüber, schon weil er nicht kennt oder erkennt, was da Nützliches wächst.

Besonders der breitblättrige Bärlauch zieht sich wie ein „grüner Faden“ in Mengen über die Flächen. Er verleiht Speisen ein Knoblaucharoma, aber ohne die nach Knoblauchgenuss üblichen, unangenehmen Ausdünstungen. Was auf den beiden Kenner Flächen an Nutzbarem wächst, füllt Seiten eines Botanikbuches: Löwenzahn (komplett essbar und gesund für die Leber), Gundermann als aromatisches Salatgewürz, Wiesenschaumkraut mit seinem Kressearoma, wilde Erdbeere, die Brennnessel als Salatgemüse und laut Expertin Stoff eine „Vitamin-C-Bombe“. Die große Klette taugt als Gemüse und Marmeladengrundlage. Ebenfalls als Salat geeignet ist die Schafgarbe, ihr Pflanzensaft wirkt wundheilend. Außerdem wachsen hier essbare Wildpflanzen wie Storchenschnabel, Spitzwegerich, Nelkenwurz oder Baldrian, um noch einige zu nennen.

Allerdings sei auch Vorsicht und ein geschultes Auge geboten, erklärte die Expertin, denn zwischen den vielen genießbaren Pflanzen verstecken sich auch giftige Kandidaten wie etwa Aronsstab, Iris und andere.

„Wir wollten bei dieser Begehung zunächst feststellen, was auf den Flächen vorhanden ist und ob die Wildpflanzen hier auch durch Kulturnutzpflanzen ergänzt werden können. Und wie wir gesehen haben, sind sehr gute Grundlagen vorhanden“, erklärt Ortsbürgermeister Rainer Müller. Er verweist auf erfolgreiche Versuche der Stadt Trier, die auf einem Teil ihrer Grünflächen – etwa unmittelbar vor dem Trierer Rathaus am Augustinerhof – Nutzpflanzen angesiedelt hat. Auch Dorfmoderatorin Stoff empfiehlt das Trierer Modell für die Gemeinde Kenn: „Öffentliche Nutzpflanzenbeete haben Vorteile. Die Produkte sind essbar, und es gibt dort erwiesenermaßen weniger Vandalismus als an bunten Blütenflächen.“ Zur Ergänzung empfiehlt sie essbare Wildpflanzen, denn „die kosten nichts, sind oft schmackhafter und haben mehr gesunde Inhaltsstoffe.“

Die Teilnehmer aus dem Ort wirkten erstaunt über die große Vielfalt an nutzbaren Wildpflanzen, die unbemerkt quasi vor der Haustür wachsen – das Interesse an aktiver Mitwirkung am „Essbaren Dorf“ war deutlich.

Einige hatten schon Erfahrungen. Anneliese Hartz: „Als Kind habe ich gerne Gänse- und Butterblümchen gegessen. Habe es auch schon mit Kapuzinerkresse im Garten versucht. Jedenfalls will ich solches Pflanzenwissen meinen Kindern weitergeben.“ Von Bärlauch und Löwenzahn im Salat schwärmt Ivonne Dany-Fontaine. „Ich komme aus dem Saarland, da ist Löwenzahn als Salatzutat eine Delikatesse.“