Europa ist kein Christenclub

Neue Chancen sieht Bernhard Vogel, Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemaliger Ministerpräsident, in einem ausgewogenen Zusammenspiel von Kirche und Staat, der sich - gerade auch im europäischen Kontext - auf seine religiösen Wurzeln besinnt. Gleichzeitig forderte er in seinem Vortrag in der Katholischen Akademie Trier von den Politikern mehr Mut zur Entscheidung.

Trier. "Die Bibel ist kein Nachschlagewerk für den Erlass von Gesetzen." Doch könnten Grundsätze von ihr abgeleitet werden, sagt Bernhard Vogel vor rund 90 Zuhörern in seinem Vortrag "Von vergebenen und neuen Chancen - Politik und Religion" in der Katholischen Akademie Trier. Dabei legt er die eindeutige Betonung auf die Chance, die Religion für die Politik sein kann. Denn die christlichen Werte Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit bedeuten nicht Rücksichtslosigkeit, sondern Verantwortung. "Das erleben wir gerade in erheblichem Maße", verweist der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident auf die aktuelle Finanzkrise. "Und wir erfahren die Handlungsbereitschaft und -fähigkeit des Staates - eine neue Chance."

Wie schwierig und wichtig die Trennung von Politik und Religion ist, sei ihm als dessen Präsident vor 40 Jahren beim Katholikentag in Essen klar geworden. Dass dies ein langer Prozess gewesen sei, "dürfen wir nicht vergessen, wenn wir uns mit anderen Kulturen auseinandersetzen", warnt Vogel. Der Staat sei keineswegs religionsfrei. "Er braucht Werte, die er sich nicht selbst geben kann, und die Kirche braucht ein funktionierendes Staatswesen", stellt der 75-Jährige fest. "Scheuen wir uns nicht, uns dabei zu den christlichen Wurzeln der europäischen Kultur zu bekennen." Auch wenn diese unbequem seien. Gleichzeitig warnt er mit Blick auf Staaten mit hohem Muslim-Anteil: "Europa ist kein Christenclub."

Christliche Politik gebe es nicht. Auch müsse nicht jedes neue Gesetz von Kirchenoberen kommentiert werden. Wohl aber gebe es Politiker, die ihr Handeln an christlichen Maßstäben messen und an ihnen gemessen werden wollen. "Der Politiker muss entscheiden", sagt Vogel. "Er muss um Mehrheiten kämpfen, er muss Kompromisse schließen. Und er muss bereit sein, notfalls zweitbesten Lösungen zuzustimmen, wenn die besten nicht mehrheitsfähig sind, um die schlechteren zu verhindern." Wie beispielsweise bei der Diskussion um den Embryonenschutz. "Ich hatte selbst größte Bedenken, die Freiheit der Wissenschaft über das menschliche Leben zu setzen." Und doch sei es richtig gewesen, eine neue Befristung zu beschließen, weil ein Verbot keine Mehrheit gefunden habe.

"Wir stehen am Anfang der Globalisierung, vor der wir zurückschrecken, obwohl wir die Chance haben, die Werte der Demokratie in die Welt zu tragen", sagt Vogel. Die Menschen sollten wieder Visionen haben. Was in den vergangenen 20 Jahren passiert sei, davon habe er damals nicht zu träumen gewagt. "Wir sollten der jungen Generation das Recht einräumen, ähnliche Visionen zu haben."

Zur Person Bernhard Vogel trat 1960 in die CDU ein und wurde 1967 mit 34 Jahren jüngster Kultusminister Deutschlands. 1976 folgte er Helmut Kohl als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident. 1988 wählte ihn seine Partei als Landesvorsitzenden ab. Daraufhin trat er als Regierungschef zurück, "weil ich nicht mehr voll handlungsfähig war." Er habe gewarnt vor den Folgen. "Ich bedaure, dass meine Befürchtungen vom November 1988 eingetreten sind, und dass so viele Jahre gefolgt sind, in denen die Union nicht mehr Verantwortung für das Land trägt." Doch er habe die Hoffnung, dass die junge Generation dies für die Zukunft ändere." Das könne nur eine Crew, die den Satz beherrsche: "Erst das Land, dann die Partei, dann die Person." 1992 bis 2003 war Vogel Ministerpräsident von Thüringen. Von 1989 bis 1995 war er, und ist seit 2001 wieder Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung. (mehi)