Examensarbeit zum Leben der Schweicher Juden

Schweich · Mit den "Schweicher Juden in der Zwischenkriegszeit" hat sich der Historiker und Theologe Philipp Gemmel beschäftigt. Er ist der Frage von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit und der Teilhabe der Schweicher Juden am dörflichen Leben nachgegangen.

Schweich. Waren die Juden "ganz normale Schweicher"? So berichtet es zumindest eine Zeitzeugin. Oder wurden die Schweicher Juden im Dorf anders wahrgenommen und behandelt? Dieser Fragestellung ist der Schweicher Student Philipp Gemmel in seiner Examensarbeit nachgegangen. Eine eindeutige Antwort kann er aber nicht geben.
Ab 1933 sei die Geschichte der Juden nur bruchstückhaft überliefert. Und selbst sein Großvater, Artur Gemmel, klammere die jüdische Geschichte noch in seiner "Schweicher Chronik" von 1960 völlig aus.
Fakt sei, dass sich die jüdische Gemeinde zahlenmäßig im Jahr 1863 mit 135 Mitgliedern auf dem Höhepunkt befand und mit Trier und Wittlich zu den größten der Region zählte. Nach 1863 habe die Gemeinde kontinuierlich Mitglieder verloren. 1938 sei die letzte Beerdigung auf dem Schweicher Friedhof registriert, bei der drei katholische Frauen mitgingen, die in einem Gedicht verspottet wurden.
Im rein katholischen Schweicher Milieu hätten sich Protestanten und Juden immer schon abgeschottet. Von 1900 bis 1930 sei beispielsweise nur eine Ehe zwischen Protestanten und Katholiken registriert. Eine räumliche Trennung innerhalb der Dorfgemeinschaft habe es nicht gegeben. Die Juden lebten - anders als in den Städten - mitten im Dorf als Händler und Handwerker. Am Vereinsleben hätten die Juden teilgenommen, seien im Kriegerverein, aber auch im Gesang- und Turnverein aktiv gewesen. In den Gemeinderat von Schweich sei 1910 Nathan Rafael gewählt worden. Nach 1933 wurde Kahn vom Rat ausgeschlossen. Auf die politischen Ereignisse und die auch im Dorf zunehmende Judenhetze hätten die Schweicher Juden mit Flucht reagiert. Ab 1938 sei den Schweicher Juden der Besuch der Wirtshäuser verboten gewesen, den jüdischen Kindern der Besuch der Volksschule.
Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938, bei der auch die Schweicher Synagoge geplündert und die Thorarollen beschädigt wurden, hätten nur noch 10 Juden in Schweich gelebt. Ihr Vorsteher Nathan Kahn habe 1940 als Letzter Schweich verlassen. Über die Hälfte der 1933 in Schweich lebenden 91 Juden sind in Konzentrationslagern umgekommen. 32 gelten als vermisst, zwei haben den Freitod gewählt, und 37 konnten ins Ausland entkommen. sbn
Extra

Seit Januar 2010 gibt es in der Verbandsgemeinde Schweich das Projekt "Jüdisches Leben in und um Schweich". Initiiert vom Dekanat Schweich-Welschbillig werden regelmäßig zum Gedenktag der Reichspogromnacht und zum Holocaust-Gedenktag Veranstaltungen angeboten. Die Ausstellung "Jüdisches Leben in und um Schweich" in der Synagoge zu sehen und kann von Schulklassen ausgeliehen werden. Infos im Dekanatsbüro, Telefon 06502/93745-0. sbn

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