Interview: Experte: „Seilbahnen werden sich etablieren“ - Auch in Trier?

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Verkehrsmittel der Zukunft? Im Trierer Rathaus sind die Planungen für eine schnelle ÖPNV-Trasse zwischen Tarforst und der Hochschule wieder aufgenommen worden. Geprüft wird auch die Möglichkeit einer Kabinenbahn.

Christoph von Nell ist Experte für urbane Seilbahnkonzepte. Der TV hat mit ihm über die Realisierungschance in seiner Heimatstadt gesprochen.

Herr von Nell, Sie stammen aus Trier und kennen die Gegebenheiten: Die großen Höhenunterschiede, die ständig verstopfte Bitburger Straße, die überlasteten Straßen durch Olewig und das Aveler Tal. Wäre eine Seilbahn die Rettung?

Christoph von Nell: Ein großer Vorteil von Seilbahnen ist, dass sie keinen durchgängigen Fahrweg auf der Erde benötigt und auch keinen Tunnel und keine Brücken. Sie schwebt über Freiflächen und Häusern, benötigt nur an einigen Stellen Stützen und kann große Höhenunterschiede leicht überwinden. Grundsätzlich ist die Konstellation in Trier daher durchaus sehr geeignet für das System Seilbahn – vor allem, weil es ja auch gar keine durchgängige, direkte Straßenverbindung zwischen der Tarforster Höhe und dem Hauptbahnhof gibt, der Trasse also, die der Petrisbergaufstieg bedienen soll.

Der so genannte Petrisbergaufstieg könnte eine schnelle, direkte Verbindung zwischen dem Einkaufszentrum auf der Tarforster Höhe und der Hochschule Schneidershof beziehungsweise der A 64 schaffen. Foto: TV/Schramm, Johannes

Als in Trier vor etwa zehn Jahren schon mal über eine urbane Seilbahn nachgedacht wurde, war eins der Probleme die Porta Nigra, an der die Bahn aus Denkmalschutzgründen offenbar nicht hätte vorbeigeführt werden dürfen. Haben Sie Erfahrung mit ähnlichen Problemen?

Von Nell: Wertvolle Bauwerke bedürfen immer einer besonderen Aufmerksamkeit und müssen mit Neuem in Einklang gebracht werden. Das gilt auch für eine Seilbahn und für andere Städte mit historischen Innenstädten. Mit einem hohen architektonischen Gestaltungsanspruch ist das durchaus verträglich realisierbar.

Urbane Seilbahnen werden von vielen als Phantastereien abgetan. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten als ÖPNV-Verkehrsmittel der Zukunft ein?

Von Nell: Sehr hoch! An der richtigen Stelle sind Seilbahnen hervorragend geeignet – etwa um zwei so stark frequentierte Punkte mit topografischem Hindernis wie die Universität und den Trierer Hauptbahnhof schnell und direkt miteinander zu verbinden. Ich gehe daher fest davon aus, dass Seilbahnen sich in Zukunft im ÖPNV etablieren werden.

Was sind die größten Hindernisse, die beim Bau einer ÖPNV-Seilbahn überwunden werden müssen?

Von Nell: Da es in ganz Deutschland noch keine wirkliche ÖPNV-Seilbahn gibt, die durch bebautes Gebiet führt, fehlt es an Anschauungsmöglichkeiten. Das macht viele Leute skeptisch. Sie haben Angst davor, dass eine Seilbahn über ihren Köpfen schwebt. Oder dass Fahrgäste aus den Kabinen in die Vorgärten gucken könnten. An solchen Dingen ist in Wuppertal der geplante Bau einer Seilbahn gescheitert – die Anwohner haben sich bei einer Bürgerbefragung mehrheitlich dagegen ausgesprochen. Dabei ist eine Seilbahn nicht nur ein sehr sicheres Verkehrsmittel, sie ist auch nahezu geräuschlos. Und die Scheiben kann man tönen oder so verbauen, dass Einblicke auf Privatgelände nicht möglich sind. Eine Ideologisierung à la Seilbahnen sind Luftschlösser, ist daher überhaupt nicht angemessen.

Können Sie auch etwas zu Bauzeit und Kosten sagen?

Von Nell: Konkret natürlich nicht. Aber wenn der Petrisbergaufstieg als direkte, schnelle Verbindung von der Tarforster Höhe bis zur Autobahn A 64 tatsächlich realisiert werden soll, wäre dafür in jedem Fall eine neue Trasse notwendig. Für einen Spurbus müsste dafür eine durchgängige, spezielle Konstruktion auf der Erde gebaut werden. Das würde viel Platz benötigen und große Flächen, die die Stadt dazu wahrscheinlich erst noch ankaufen müsste. Dazu käme, dass auch ein Spurbus die Steigung vom Hauptbahnhof zum Petrisberg nicht direkt bewältigen könnte, sondern wohl Serpentinen notwendig wären. Bei einer Seilbahn müssten nur wenige Masten und Haltestationen gebaut werden. Auch die direkte Steigung wäre kein Problem.

Ein Bus-System wäre außerdem auf eine Brücke über die Mosel angewiesen. Aber die Kaiser-Wilhelm-Brücke ist ja auch oft überlastet – eine schnelle ÖPNV-Verbindung zur Hochschule und vielleicht auch weiter zur Autobahn würde dadurch ausgebremst. Ein neue Brücke würde die Kosten allerdings so massiv explodieren lassen, dass das Projekt gar nicht weiter verfolgt werden könnte.

Sie haben die Machbarkeitsstudie für eine Seilbahn in Wuppertal erstellt. Zurzeit begleiten Sie ähnliche Studien in Bonn und für Nürnberg. Auch München, Stuttgart und Bochum denken über Seilbahnen nach. Hat Trier da überhaupt noch die Chance, für eine Seilbahn als Pilotprojekt hohe öffentliche Zuschüsse zu bekommen?

Von Nell: Ja, durchaus! Die anderen Städte haben schließlich auch alle noch einen weiten Weg vor sich.

Das Interview führte

Christiane Wolff

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